328 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
schluß. Und nun wurde, im metaphysischen Sinne freilich noch
immer kantisch, zum Leitstern seines geschichtlichen Denkens
der Satz, daß in der Geschichte die göttliche Vernunft walte:
mithin deren Ziele das vernunftgemäße Ideal menschheitlicher
Entwicklung bildeten. Es war eine Wandlung, die zu kultur—
geschichtlichen Vorstellungen führen mußte; und schon am
26. März 1789 hat Schiller an Körner die denkwürdigen
Worte geschrieben: „Eigentlich sollten Kirchengeschichte, Ge—
schichte der Philosophie, Geschichte der Kunst, Geschichte der
Sitten und Geschichte des Handels mit der politischen in eins
zusammengefaßt werden, und dies erst kann Universalhistorie
sein.“ Allein vermochte Schiller mit dieser Einsicht die Berge
von Quellenmaterial, die schon seiner Zeit zugänglich waren,
zu durchdringen? Mangel an Zeit, an Vorbildung, auch, in
diesem Umfang, an Interesse verhinderten es. Und so sind
die Hauptwerke des Dichters, vor allem die Geschichte des Ab⸗
falls der Niederlande, in pomphaftem Stile geschrieben, re—
flexionsreiche Staatshistorien geblieben mit nur mehr oder
weniger stark betontem kulturgeschichtlichem Hintergrund.
Zum glänzendsten Vertreter aber einer Geschichtsforschung
und Geschichtschreibung, die aus der merkwürdigen Kombina—
tion spezialwissenschaftlicher Entwicklung und romantischer Welt⸗
anschauung nicht ohne Dreingabe christlicher Motive hervor—
ging, wurde Leopold Ranke.
Es ist früher erzählt worden!, wie das Bedürfnis geistes—
ökonomischer Zusammenfassung längerer Reihen von singulären
Tatsachen langsam, aber immer deutlicher im Laufe der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts von der Herstellung von Motiven⸗
reihen zur Begründung der Ideenlehre hinüberführte: und wie
dann die Methode der Aufstellung von geschichtlichen Ideen in
Wilhelm von Humboldts Aufsatz über die Aufgabe des Ge—
schichtschreibers Anfang der zwanziger Jahre ihren ersten Ab—
schluß fand. Dabei ist auch schon erwähnt worden, wie sich
das methodologische Bedürfnis alsbald mit einem metaphysischen
S. oben S. 239 ff.