Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

326 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
Ratlosigkeit gegenüber der Gemüts- und Charakterbildung war 
sie doch selbst der realistischen Zeit zu einseitig. Und so erhielt 
sie in dem steigenden Einflusse Fröbels (1782—- 1852), des 
größten und eigentlichsten Schülers Pestalozzis, bald ein ge— 
wisses Gegengewicht. Dies um so mehr, als sich Fröbel unter 
Vermeidung fast jeder der spekulativen Anschauungen, die vor 
allem doch Herbarts System sichtlich durchzogen, rein auf den 
empirischen Standpunkt stellte und diesen in einer realistischen 
Gemütern wohltuenden Weise betonte. Denn obwohl frommer 
Christ, ging er bei seinem liebevoll-eingehenden Studium des 
Kindeslebens doch nicht von dem Gedanken der Erbsünde, 
sondern von der Annahme einer ursprünglichen Güte der 
menschlichen Natur aus und fand eben in ihrer Erhaltung, 
Durchbildung, Veredlung das pädagogische Ziel. Freilich hatten 
dabei die erziehlichen Interessen in den Augen der Zeitgenossen 
nicht mehr die Bedeutung wie eine Generation zuvor. Wir 
wissen!, wie sie sich um 1800 noch aufs engste mit den po⸗ 
litischen deckten: gute Erziehung schien damals den besten, den 
von der Zeit erhofften Staat herbeiführen zu können. In— 
zwischen hatten sich die politischen Interessen von den päda— 
gogischen getrennt und waren sozusagen zu Fachinteressen zu— 
nächst engerer Kreise geworden. Nichts war hierfür bezeichnender 
als das tragikomische Geschick, das später Fröbels wichtigste 
Schöpfung wenigstens vorübergehend mit Vernichtung bedrohen 
konnte. Der preußische Kultusminister von Raumer verwechselte 
den Pädagogen Fröbel mit dem Demokraten Julius Fröbel 
und verbot deshalb für einige Zeit die Gründung und den 
Betrieb der Kindergärten innerhalb der königlich preußischen 
Staaten. 
Überblickt man von diesen Erfahrungen her, von dem 
Verhältnisse der Psychologie Benekes und Herbarts selbst zu 
Völkerkunde und Pädagogik aus die Stellung der Psychologie 
zu den Geisteswissenschaften etwa in den dreißiger Jahren, so 
ergibt sich im ganzen, daß diese der psychologischen Leitung 
S. Band IX S. 77 ff.
	        
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