340 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
vertiefter Forschung. So fehlte denn die Anlegung allgemeinerer
wissenschaftlicher Maßstäbe: dies Volk eben, diese Geschichte, nur
auf der breiteren Grundlage allenfalls gemeingermanischen Ge—
schehens, fesselte sie, fand in ihren Werken Verherrlichung. Aber
eben in diesem Individualisieren griffen sie dann freilich in noch
niemals aufgesuchte Tiefen. Nach dem Erscheinen der „Deutschen
Sagen“, die in der Durchforschung ihrer Stoffe eine deutsche
Literaturgeschichte vorbereiten sollten, war das eigentlich ent⸗
scheidende Werk Jakobs die Deutsche Grammatik, von der 1819
der erste Band veröffentlicht wurde: in Wahrheit eine aller
trockenen Sprachvergleichung entrückte lebendige Geschichte der
deutschen, ja der germanischen Sprachwelt. Im Jahre 1837 ist ihr
vierter Band, der letzterschienene, nicht der letztgeplante, heraus—
gekommen; das Jahr 1848 brachte aus Jakobs Feder noch eine
„Geschichte der deutschen Sprache“, der dann 1832 der Beginn des
großen Grimmschen Wörterbuches folgte: es waren die gramma—
tischen Arbeiten, die das Leben der Brüder am meisten durchzogen,
ihrer Methode Halt, ihrem Denken Richtung gegeben haben.
Dabei wurde gewiß die eigentliche Romantik allmählich
abgestreift. Und gewißlich war auch exakte kulturgeschichtliche
Methode am ehesten auf dem Gebiete der unbewußtesten aller
großen Kulturerscheinungen, auf dem der Sprache, zu üben und
auszubauen. Aber ließ sich darüber hinaus leicht auf weitere,
vielleicht noch wichtigere und höhere Kulturgebiete gelangen?
Neben dem Gebiete der Sprache haben die Brüder vornehmlich
nur noch die Felder des Mythus und des Rechts, das sie in
hrer gemütvollen Fassung stark der Sitte annäherten, bestellt:
die nächsten bedeutsamen Gebiete unbewußten sozialpsychischen
Lebens: und bezeichnend war, daß ihnen schon die literär⸗
geschichtlichen Studien nicht gleich günstig gediehen.
Und so blieben denn trotz ihrer Tätigkeit die historischen
Disziplinen der Kunst und der Dichtung, der Religion und der
Wissenschaft, der Verfassung und des Staates dem Einflusse
der vollen romantischen Weltanschauung und der Schlußmethode
Hegels überlassen; und nur in den Außenseiten germanischen
Lebens, jenseits der Sprachgrenze des Gemeindeutschen, in