344 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Handgriffe der Interpretation systematisch und übte sie an den
hervorragendsten klassischen Autoren praktisch aus. Dabei hatte
er eine besondere Vorliebe für die griechischen Dichter, so Homer,
Hesiod, die Dramatiker und Pindar, und wurde damit auch
zum Begründer der klassischen Metrik. Hermann hat sehr viele
Schüler herangezogen, so den Gräzisten Lobeck, den Homeriker
Lehrs, als vielseitigsten wohl Theodor Bergk, als begabtesten
den frühverstorbenen Reisig (1792 -1829). Ein Schüler Reisigs
war Friedrich Ritschl (1806 1876), der dann Hermanns Lehr⸗
und Arbeitsweise zuerst in Bonn, dann in Leipzig am treuesten
fortsetzte. Freilich ging Ritschl dabei nicht mehr völlig in
Kritik und Hermeneutik auf, wenn er auch fast stets von ihnen
ausging. Vielmehr ergriff er von einzelnen Autoren, namentlich
von Plautus her, schon das Problem der Geschichte der Sprache
überhaupt; in diesem Zusammenhange hat er z. B. den alt—
lateinischen Sprachresten die erste vollwissenschaftliche Be—
arbeitung zuteil werden lassen. Und so hob denn seine Auf—
fassungsweise die Methodik der Philologie inhaltlich etwa in
die Gebiete, welche die Brüder Grimm in den germanischen
Kulturen eingehend bebauten, und ging damit über die wissen—
schaftliche Anschauung der Berliner Philologen Lachmann (1793
bis 1851) und auch noch Haupt (1808-1874) bereits hinweg.
Allein inzwischen hatte der Begriff der klassischen Philo—
logie schon längst eine Erweiterung erfahren, die den immer
noch durchscheinenden Standpunkt einer bloßen Interpretations⸗
kunst völlig überholte. Wollte man subjektivistischen Anforde—
rungen entsprechend interpretieren, so hatte man die Persön—
lichkeit und den Charakter jedes einzelnen Autors aufs weiteste
aus dessen Umwelt zu erklären: und tat man dies, so sah
man sich alsbald zur Umgestaltung der klassischen Philologie
in eine allgemeine Altertumswissenschaft veranlaßt. Und
während einer solchen Umwandlung auf den Gebieten der
mittelalterlichen und neueren Geschichte ohne weiteres die Tat—
sache entgegengestanden haben würde, daß sich hier die Ver—
breiterung des historischen Interesses allein auf dem Wege
einer arbeitsteiligen Durchbildung schon bestehender wissenschaft—