Seginnender Realismus. 347
Neben Welcker wirkte ziemlich gleichzeitig, doch frühem
Tode in Athen verfallend, auf dem Kolonos, in Sophokles'
Heimat, bestattet, Karl Otfried Müller (1797 -1840). Müller
war von den universalsten Interessen, wenn auch zunächst nur
tür das griechische Altertum, getragen; sein Wunsch, der ihm
freilich nicht in Erfüllung gegangen ist, war eine ganz allseitig
durchgeführte Geschichte von Hellas. So beschäftigte er sich
mit der Sagengeschichte der griechischen Stämme, mit der
Mythologie als historischer Disziplin, mit der Kunstgeschichte
endlich als auch einem wichtigen Teil der allgemeinen Auße⸗
rungen nationalen Lebens.
Der dritte endlich in dieser Reihe, philologisch strenger,
war Otto Jahn (1818 -1869). Er zuerst hat auf die Archäo—
logie eine durchaus exakte Methode angewandt; in dieser Hin⸗
sicht waren namentlich seine Arbeiten über die antike Vasenkunde
von Bedeutung. Aber es kennzeichnet ihn doch noch besser,
daß er zugleich der Biograph Mozarts und einer der besten
Kenner der neueren Musikgeschichte seiner Zeit gewesen ist:
so breit wurzelte sein Geist in allem, was groß war in euro⸗
oäischer Vergangenheit.
Mit den genannten Namen sind wohl die schönsten Zeiten
der klassischen Altertumskunde des 19. Jahrhunderts am besten
umschrieben. Fragt man sich vom allgemeinsten Standpunkte der
Geschichte der Geisteswissenschaften, was sie eigentlich bezeichnet,
so ergibt sich als wesentlich, daß in ihnen auf Grund einer noch
durchaus singulären Anschauung vom klassischen Altertum, das
dogmalisch als allen anderen historischen Zeiten überlegen und
daher als mit ihnen unvergleichbar betrachtet wurde, der Ver⸗
such gemacht worden ist, den inneren Zusammenhang einer so
singulär aufgefaßten Zeit allseitig anzuschauen und womöglich
zu begreifen. Es war, scharf gefaßt, eine unmögliche Aufgabe.
In Annäherungen aber wurde sie erreicht. Und eben hierin liegt
das Große, liegt die geschichtliche Bedeutung des Versuchs. In
einer Zeit, da die Psychologie noch weit davon entfernt war, zu
jener Führerin der Geisteswissenschaften zu werden, zu der sie ihre
aatürliche Stellung innerhalb des Reigens der Wissenschaften