Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

348 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
bestimmt, gelang es, an einer der wichtigsten Stellen der 
historischen Disziplinen, auf dem einfachen Wege der analyti⸗ 
schen und synthetischen, der abstrahierenden und determinierenden 
Methode diese Lücke zu decken und ein sonst nirgends in gleicher 
Schärfe erreichtes Bild einer bedeutenden Vergangenheit zu 
entwerfen. 
Natürlich stellte sich damit die klassische Philologie an die 
Spitze der geschichtswissenschaftlichen Bewegung in der Zeit 
des Realismus; noch in den fünfziger und sechziger Jahren 
sind die jungen Historiker des Mittelalters und der Neuzeit, 
den wissenschaftsgeschichtlichen Prämissen der dreißiger und 
vierziger Jahre folgend, an erster Stelle, wenn nicht allein in 
den Seminarien der klassischen Philologen gebildet worden. 
Es war zu einer Zeit, wo dennoch die Vorherrschaft der 
klassischen Philologie schon gefährdet war. Auf die Dauer 
zeigte sich doch, daß die bloße Anwendung singulärer Methoden 
verzerrte Ergebnisse zeitigte; schon unterlag das Dogma vom 
klassischen Altertum immer gewichtigerem Zweifel, wenn auch 
zunächst erst von seiten der Exoteriker, seitens des nicht klassisch 
gebildeten Publikums. Was aber wichtiger war: seit den vierziger 
Jahren ging die Führung in der singulären Methode an die 
moderne politische Geschichte über: diejenige Geschichtsdisziplin, 
die seitdem durch den liberalen und nationalen Gedanken, durch 
Revolution und Einheitsbewegung gestützt wurde. 
Und so blieb es trotz allem zu Recht bestehen, daß der 
Realismus der Geisteswissenschaften, soweit er nicht mehr mit 
romantischen Ingredienzien verquickt war, in sichtlicher Schnellig⸗ 
keit in die Politik, ja unmittelbar in jenes politische Handeln 
hinein verlief, das die Zeit immer einseitiger zu charakterisieren 
begann. Es war gewiß ein Zeichen der noch mangelnden 
innerlichsten Selbständigkeit der Geisteswissens chaften; die Natur⸗ 
wissenschaften, an sich schon durch den Charakter ihres Gegen⸗ 
standes mehr geschützt, wiesen doch auch in den Methoden da, 
wo Zugeständnisse möglich gewesen wären, nicht ein gleiches 
Maß von Entgegenkommen auf. 
Es war aber auch ein Zeichen dafür, daß in der neuen
	        
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