Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

352 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
Wollen wir diesen Zusammenhang in seiner Schmach 
hier ganz kennen lernen, so kann es nicht einfacher geschehen, 
als indem wir zunächst mit kurzen Worten den großen Zu— 
sammenhang der politischen Ereignisse in den europäisch— 
atlantischen Gebieten von 1815—1840 überhaupt darlegen, 
ohne Deutschlands als eines politischen Gesamtbegriffs auch 
nur zu gedenken. 
Nach dem bisher Erzählten ist klar, daß die allgemeine, 
wenn auch in sich sehr verschieden geartete und keineswegs 
ganz gleichzeitige Entwicklung eines höheren Wirtschaftslebens 
der Unternehmung in diesen Gebieten auch eine große Anzahl 
gleichartiger wirtschaftlicher, sozialer, geistiger, politischer Er— 
scheinungen zur Folge haben mußte. So kam es an erster 
Stelle überall zur Entwicklung eines subjektivistischen Seelen— 
lebens, und innerhalb seines Verlaufes, aus Gründen, die uns 
für Deutschland schon bekannt sind, zu einer Spaltung der 
politischen Instinkte in konservative und liberale Anschauungen. 
Denn überall erzeugte dies neue Wirtschaftsleben den Drang 
nach absolut freiheitlicher Betätigung der Einzelperson, und 
überall ergab sich demgegenüber das Bedürfnis der Regulierung 
dieser Betätigung durch Ausgestaltung der Nationen zu volks— 
tümlichen Organismen: und so traten sich überall liberali— 
sierende und komprimierende, fortschrittliche und konservativ⸗ 
restaurierende Tendenzen und Parteiungen gegenüber: und 
Liberalismus und Restauration, womit man dann das Ganze 
dieser entgegengesetzten Tendenzen zu bezeichnen pflegte, wurden 
zu den beherrschenden Ideen der Zeit. 
Dabei nahm die liberalisierende Richtung schließlich überall 
zugleich einen spezifisch nationalistischen, auf die Einheit der Na⸗ 
tionen hindrängenden Ton an. Denn da der Liberalismus der 
engeren Organisation der Einzelpersonen wenig zuneigte, so mußte 
er um so eher ein letztes, ihre ganze Masse zusammenfassendes und 
organisierendes Prinzip suchen: und fand es im Begriffe der 
nationalen Einheit. Liberalismus und Nationalismus wurden 
auf diese Weise Angelpunkte gleichsam eines einzigen politischen 
Systems von Forderungen, die am Ende oft nur durch Krieg
	        
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