378 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Mittelmeere zu wehren hatten, eine allgemeine Annäherung
der europäischen Großmächte mit Ausnahme Frankreichs zur
Beratung einer Reform der Tuürkei und zur Zurückdrängung
Mehemeds: das Band des liberalen Zusammenhanges im
zuropäischen Westen schien gelöst. Und so schmerzlich dies dem
deutschen Liberalismus für seine Hoffnungen im Innern sein
mochte, so daß die Gefahr einer radikalen Lösung näher trat,
jo wohltuend war diese Wendung doch dem deutschen Nationa⸗
lismus: denn zum ersten Male wieder seit langer Zeit hatte
sich eine große europäische Frage ergeben, in der die deutschen
Mächte gemeinsam und im Geiste maßvoller Freiheit mit—
sprachen.
In diesem allgemeinen Zusammenhange spitzte sich aber
freilich auch das eigentliche Problem außerordentlich zu; am
L1J. Juli 1840 schlossen alle Mächte außer Frankreich einen Ver⸗
trag zur Friedensstiftung im Orient im englischen Sinne, gegen
den Willen Frankreichs. Darüber wurde die öffentliche Meinung
in Europa immer erregter; in Frankreich, wo schon längst die
Gärung gegen die Regierung Louis Philipps einen gewalt⸗
samen Ausgang suchte, herrschte eine provozierend kriegerische
Stimmung; zum ersten Male wieder seit langer Zeit erscholl
die Marseillaise. Und merkwürdig genug: sehr bald vergaß
man in dieser Stimmung fast die orientalische Frage und
forderte die Rheingrenze. Und sofort schien es, als ob franzö⸗
sische Eifersucht auf den Nachbar, der sich jetzt bei einer Frage
von allgemeiner europäischer Bedeutung endlich auch einmal
deutlich zum Worte zu melden drohte, schon damals das
träge Blut der Deutschen zu einem Kampfe um das ganze
Deutschland in Wallung bringen sollte; Frankreich selbst be—
gann umfassende Rüstungen; es war wie der Vorabend eines
großen Krieges.
Aber schon nach wenigen Monaten herrschte wieder Ruhe.
Mehemed Ali hatte inzwischen Rückschritte gemacht; die Pforte
entsetzte ihn seiner Wurden; Rußland drohte in die Türkei
einzufallen und rief damit in England Beklemmungen hervor;
in Frankreich bemächtigte sich der Radikalismus des Kriegs—