Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

380 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
politischen Haltung in Deutschland, wie er sich seit den dreißiger 
Jahren gegenüber den restaurativen Gefühlen des zweiten 
und dritten Jahrzehnts vollzogen hatte. 
I. 
In der Schilderung der politischen Vorgänge von 1815 
his 1840 im vorigen Abschnitt ist Deutschland, soweit es ein 
politischer Begriff war, der im Deutschen Bunde seine Spitze 
fand, kaum ein einziges Mal erwähnt worden. Und auch das 
deutsche Volk haben wir fast nur einmal als Einheit eingreifen 
sehen, im Moment vermeintlicher höchster Gefahr, 1840, als 
die Franzosen das linke Rheinufer forderten. Aber auch die 
deutschen Großmächte sind im Grunde wenig genannt worden. 
Am wenigsten Preußen. Es hatte auf seine Großmachtstellung 
nahezu verzichtet; bis 1830 etwa folgte es absolut Metternich, 
hon da ab Rußland und nebenher Österreich. sterreich seiner⸗ 
seits spielte eine hervorragende Rolle doch nur als Hort der 
Heiligen Allianz, wenn sich auch Metternich zur Höhezeit 
seiner Macht in der Vorstellung gefiel, sein Kaiser könne sich 
eigentlich mit Recht zugleich als Kaiser von Deutschland be— 
rrachten. 
Die Heilige Allianz aber hatte völlig eigentlich nur bis 
etwa zum Tode des Kaisers Alexander (1825) die Führung 
Europas in Händen gehabt, während sich schon in dieser Zeit 
das romanische Amerika auf eigene Füße stellte. Es war dann 
ferner ihre tiefere Grundlage, die Gesamttendenz der europäischen 
Entwicklung noch im Sinne des Legitimismus und Absolutis— 
mus, durch die Julirevolution gesprengt worden: seitdem galt 
ein nicht legitimistisch, sondern auf nationaler Souveränität 
degründetes Königtum, eine nicht absolutistisch, sondern kon— 
stitutionell im Sinne der Forderungen des höheren Bürger— 
tums verlaufende monarchische Regierung als denkbar; Bei— 
spiele waren England und Frankreich. 
Dabei war es denn allerdings England und Frankreich 
aicht gelungen, das Ideal ihres Staatslebens anderswo außer
	        
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