Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

414 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
hingestreckter Dörfer, denen sie frische Menschenarbeit entnehmen 
konnten. So war denn dieses Dasein vielfach noch unstädtisch 
und darum gesünder als heute; in Sachsen, dem industrie— 
reichsten deutschen Lande dieser und der nächstkommenden Zeiten, 
wurden in einer der verbreitetsten Industrien, der Spinnerei, 
noch 1831 820/0 aller Spindeln durch Wasserkraft angetrieben 
und 1200 durch Menschenhand oder Göpelwerke in Bewegung 
gesetzt: und nur für 6/0 bestand die bewegende Kraft zeitweise 
in Wasser und, falls dieses versagte, in Dampf. 
Wie sich dabei das numerische Verhältnis der Kräfte und 
Ergebnisse in Handwerk und in Industrie stellte, ist im ganzen 
nur schwer zu übersehen. In Berlin hat sich das Handwerk 
zwischen 1784 und 1847 der Zahl seiner Angehörigen nach 
merkwürdig wenig entwickelt, während die Industrie stieg; 
geradezu abgenommen haben die Lohgerber und Maurermeister, 
während stark nur die Zahl der Tischler, Tapezierer, Klempner, 
Drechsler, Buchbinder, Instrumentenmacher stieg. Im Herzog⸗ 
tum Magdeburg, dessen Entwicklung vielleicht als eine durch— 
schnittliche, wenn auch entschieden vorwärts weisende angesehen 
werden kann, kamen um 1800 auf etwa 12—14000 im Hand⸗ 
werk beschäftigte Personen schon 7 —8000 Arbeiter in den 
Haus-⸗ und Fabrikindustrien wie in Saline und Bergwerk. 
Doch wäre es falsch, sich diese Arbeiter, wie die ganze 
Industrie bereits nach Art der heutigen oder auch nur der 
vor einem Menschenalter vorhanden gewesenen vorzustellen. 
Von Bedeutung war hier schon das bereits angeführte technische 
Moment: noch war jenem großen Zeitalter der Erfindungen, 
das der Welt den Kompaß, das Schießpulver und den Buch⸗ 
druck geschenkt hat, nicht das weitere der tatsächlichen Ein⸗ 
führung der durch Wärme oder sonstwie betriebenen Kraft⸗ 
maschinen gefolgt. Damit fehlte die unbarmherzige Präzision 
von heute und das ganze Bukett der in der industriellen Be— 
völkerung auf sie zurückgehenden seelischen Dispositionen; so 
sehr Goethe schon vor dem aktuelleren Umtriebe der Welt einen 
gewissen Schauer empfunden und die Entthronung des Wissens 
und Erkennens, noch mehr aber der Phantasietätigkeit von
	        
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