Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 415 
ihrer bisher innegehabten Herrschaft vorausgesehen hat: im 
Grunde ging es, nach unseren Begriffen, doch noch recht ge⸗ 
mütlich her. Und zwar gemütlich im eigentlichen, heute so oft 
schon verlorenen Sinne des Wortes: der Fabrikant war noch 
ein Fabrikherr und der Arbeiter stand, ohne ausgesprochenes 
Klassenbewußtsein, noch unter seiner moralischen und politischen 
Verantwortung. 
Viel trug dazu auch der ländliche Standort der meisten 
Industrien sowie der Umstand bei, daß die Industrie über⸗ 
haupt mit dem Leben des platten Landes die engsten Be⸗ 
ziehungen hatte. Denn ihre wichtigsten Zweige waren das 
Müuͤllereigewerbe und vor allem die Leinen⸗ und die Woll—⸗ 
spinnerei und -Weberei; daneben kam allerdings die Baumwoll⸗ 
industrie, auf ein fremdes Erzeugnis begründet, immer mehr 
in Betracht; aber auch sie wurde nach Analogie der alten ein⸗ 
heimischen Textilindustrien, die sich auf Haupterzeugnisse des 
Landes selbst stützten, betrieben. 
Die Müllerei war bis ins 19. Jahrhundert hinein aller⸗ 
dings im allgemeinen eine kleine Industrie geblieben — doch 
war sie ihrer gewerblichen Ausstattung nach immerhin der 
eigentlich älteste Industriezweig des Landes überhaupt. Jetzt 
kam hinzu, daß mit der Aufhebung des Mühlenzwanges, der 
ziemlich allgemein, in Preußen 3. B. im Jahre 1810, fiel, 
allenthalben, namentlich aber in Norddeutschland, eine wahre 
berfuͤlle von verbesserten Windmühlen errichtet wurde: so daß 
man in Preußen 1825 sogar glaubte den Bau wegen Über⸗ 
produktion an eine Konzession knüpfen zu müssen. 
Unmittelbarer freilich führten die Textilgewerbe in die 
Industrie ein, aber doch immer noch im Bereiche des platten 
Tandes. Von ihnen hatte die Leinenindustrie um 1800 ebenso⸗ 
sehr noch die ältesten Formen bewahrt, und zwar in Spinnerei 
und Weberei, wie sie die verbreitetste und blühendste war: 
was trug man nicht alles noch aus Leinen, außer den Unter⸗ 
kleidern auch vielfach noch die Oberkleider, und Tisch- und 
Bettzeug aller Stände war selbstverständlich von Leinen ge— 
macht. Spinnerei und Weberei wurden dabei teils in uralter
	        
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