Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Fortschritte des politischen Denkens. 458 
mantik zeitigte, hatte in den Gebieten des protestantischen 
Geisteslebens nicht entfernt so stark und rasch Fuß gefaßt wie 
in denen des Katholizismus. Oder könnte man hier den Ein⸗— 
fluß der Lehren Schleiermachers anführen? Abgesehen davon, 
daß sie, ein getreuer Ausdruck des neuen Geisteslebens ohne 
starken Kompromiß mit dem Alten, zunächst nur kleine Kreise 
Höchstgebildeter wahrhaft befruchten konnten, fehlte ihnen doch 
auch das eigentlich Mystische, ja selbst ein ausgesprochen pietisti— 
sches Element: das Fluidum, das sie durchzog, war feiner als 
das jeder Mystik und jedes Pietismus, erfrischte mehr, als 
daß es betäubte, und streckte sich verhältnismäßig weithin nach 
den Lebenswerten eines neuen Rationalismus. Es war ein 
Aroma, das mit dem Parfüm der Philosophie Fichtes Ahnlich— 
keit hatte in ihrem Gegensatz zur Philosophie Schellings: es 
waren die schärferen Gerüche der norddeutschen Heide gegen— 
über dem Blütenschwadenduft des südlichen Deutschlands. 
Die Luft aber, welche die Kirchen des Protestantismus 
in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts durchwehte, 
war noch die des alten individualistischen Rationalismus, 
mochten auch dessen Schärfen bei vielen inniger Glaubenden 
durch die Erlebung eines mehr oder minder persönlichen 
Verhältnisses zu Christus als dem Heiland der Seelen ge— 
mildert worden. 
Aus diesem Zustande nun brach, stärker gegen Ende des 
zweiten Jahrzehnts, eine neue Form der Frömmigkeit hervor, 
die man pietistisch zu nennen pflegt. Sie war dies aber nicht 
im alten Sinne des Wortes. Sie hat wohl auch, namentlich 
in den sogenannten Erweckungen, noch einige gebundene Vor— 
gänge der Heilserwerbung, ja selbst Gebetsheilungen und der— 
gleichen gezeitigt: aber wenigstens dies letztere geschah schon 
im Zusammenhange mit pseudowissenschaftlichen Formen mo— 
derner Psychiatrie und daher, religiös gesprochen, im Sinne 
—V— 
Frömmigkeit, die, teilweise nicht ohne Zusammenhang mit dem 
Herrnhutertum und das Leben der Brüdergemeinde in gewissem 
Sinne fortbildend, subjektiv den Herren suchte, ohne die gewalt⸗
	        
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