Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

54 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
samen Vereinigungs- und Bekehrungsmittel des alten Pietis— 
mus anzuwenden. Zu Hause war diese Frömmigkeit in den 
alemannischen Bereichen und weiterhin in Süddeutschland in dem 
alten Herdgebiete separatistischen Christentums, in Schwaben; 
im Norden waren es neben einigen Stätten in Thüringen, in 
Sulza, in Naumburg, namentlich gewisse Kreise des preußischen 
Junkertums in der Mark, in Pommern und in der Provinz 
Preußen, die sie pflegten. Eine im Grunde nicht weiter auf— 
fällige Art der Verbreitung: wie vieles hat, bei allen Gegen— 
sätzen, die härtere schwäbische und vor allem alemannisch— 
schweizerische Gesellschaft mit der norddeutschen, insbesondere 
freilich niedersächsischen, gegenüber den mitteldeutschen Stämmen 
gemein. 
Mußte nun aber nicht, unter der Entfaltung von religiösen 
Strömungen, die in mancher Hinsicht dem romantischen Katholi— 
zismus verwandt waren, in diesen evangelischen Kreisen auch eine 
dem politischen Klerikalismus ähnliche Anschauung vom Staats— 
leben entwickelt werden? In der Tat tauchten bald, vor allem 
in der Welt der Junker des kolonialen Nordostens, verwandte 
Auffassungen auf. Nur daß sie an zwei Stellen weiter fort⸗ 
gebildet wurden: in ihrem Fundament und vor allem in ihrem 
letzten, obersten Aufbau. An der Basis des ganzen Gebäudes 
wurden diejenigen Anderungen vorgenommen, die der ab— 
weichende Bekenntnisstand des Protestantismus erforderte. 
Weiter aber sprach die Junker der Spitzenaufbau des ganzen 
Systems besonders an, da er auf die stärkste Betonung der 
Stellung des Adels im Staate hinauslief. Denn im Grunde 
hatten sie sich ja eben diese Stellung im brandenburgisch-preußi⸗ 
schen Staate trotz aller Anstrengungen Friedrich Wilhelms J. 
und Friedrichs des Großen bisher gewahrt; jetzt eben aber 
sahen sie sie durch die emporschwellenden Stimmungen des 
Liberalismus angegriffen: sollten sie da nicht den weiteren Aus⸗ 
bau gerade nach dieser für sie entscheidenden Spitze hin be— 
sonders betonen? 
Die immer konkreter werdenden Anschauungen nun vom 
Staate, und zwar schließlich vor allem vom preußischen Staate,
	        
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