Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

456 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
auch die von 1848 eine verhältnismäßig unparteiische Be— 
urteilung. 
Aber aus der ganzen, auf diese Weise gemilderten und 
zleichsam mehr versubjektivierten Anschauung von einer Führung 
der Welt schlechthin durch Gott und den heiligsten, biblischen 
Ausdruck seines Willens wird nun doch deduktiv die ganze 
Lehre vom Staate abgeleitet. Und da erscheint das Staats— 
leben denn freilich als in hohem Grade organisch, ja der 
Staat gilt gleichsam als der typische Kollektivmensch in seiner 
normalsten und schönsten Entfaltung, als ein natürlich-geistiger 
Leib in reifer Schöne: aber er bleibt im Grunde doch kirchlich— 
religiösen Anschauungen unterstellt, und es bezeichnet die echt 
evangelische Wendung der klerikalen Lehre, wenn er, weil zu⸗ 
rechnungsfähig, nun auch als fähig zu süundigen und darum 
als durch Gott strafbar betrachtet wird. 
Natürlich mußte eine solche Lehre vor allem einem König— 
tum wie dem preußischen zugute kommen Hinweg, hieß es da, 
mit der verruchten Lehre einer Staatssouveränität oder gar 
einer Souveränität des Volkes! Es gibt nur ein Königtum 
oon Gottes Gnaden, wie jede Obrigkeit von Gott ist; und 
der Fürst ist in diesem Zusammenhange nicht bloß ein Zucht— 
meister auf Christum, wie ihn einst Luther gelehrt hatte: als 
—0 dessen 
Majestät den Menschen, den Untertanen, augenscheinlich zu 
machen. 
Dabei konnte man nun meinen, daß sich die Selbständigkeit 
des Volkes, der Regierten, gegenüber einer solchen Ansicht vom 
Gottesgnadentum kaum noch habe halten lassen. Allein damit 
wäre doch der Sinn des preußisch-protestantischen Konservatis— 
mus wenig getroffen. In Wirklichkeit wird nämlich der Begriff des 
Monarchen nicht in der Abstraktheit der Naturlehre gefaßt: ihm 
steht vielmehr der des Volkes in seiner ständischen Gliederung 
als Komplement gegenüber. Und in dieser Gliederung ist das 
Volk, in persönlichem Vertrauen zum Könige, zur Mitberatung 
des öffentlichen Wohles berufen. In welcher Form freilich, 
das war nicht so leicht zu sagen; wie schon der Klerikalismus,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.