Fortschritte des politischen Denkens. 483
Klassizismus, wie es auch dem Denken Kühnes zugrunde ge—
legen hatte, aus: Freiheit der Weltanschauung und Persönlich⸗
keit der sittlichen Haltung werden gefordert; auf diesen Ge—
bieten, dem sittlichen, dem religiösen, soll der einzelne Selbst—
herrscher sein. Freilich aber werden daneben für den Bereich
des Staatslebens die Interessen der Gesamtheit als ausschlag—
gebend hingestellt: und da wird denn eine absolute Demokratie
sehr radikal das Zuum cuique durchführen, bis, unter dem
Verschwinden der Nationalitäten, die Weltrepublik erreicht ist.
Man sieht welch ausschweifende Ansichten, welch Denken alsbald
noch von Pol zu Pol. Kann es wundern, wenn daneben auch
die Emanzipation der Frau im Sinne einer Emanzipation des
Fleisches gefordert und an den Personen des Romans nicht
ohne Koketterie durchgeführt wird; wenn die Existenz und auch
der Begriff der Untreue auf Zweifel stößt; wenn Gattinnen,
die einem ungeliebten Manne treu bleiben, dem Dichter als
beklagenswerte Sklavinnen der Sitte“ erscheinen?
Mit Laubes „Jungem Europa“ war zuerst völlig ein Ton
angeschlagen, der sich rasch vergröbern und abnutzen mußte:
der Ton des Radikalismus: und nur durch die Form der Er—⸗
zählung, sowie durch eine eigenartige Technik, die das Be—
stehende ironisch lobte und das Erstrebte scheinbar wunderlich
fand und darum nur phantastisch anpries, durch die Form
also eines verdeckten Kampfes, wurde er noch gemäßigt. Im
ganzen aber war es so, wie es Mundt einmal als Erlebnis des
Helden seiner „Modernen Lebenswirren“ (1834) in dem cha—
rakteristischen Stil der Zeit beschreibt: der Zeitgeist zuckte,
dröhnte, zog, wirbelte und hambacherte in den Vertretern des
Jungen Deutschlands; er pfiff in ihnen hell wie eine Wachtel,
spielte die Kriegstrompete auf ihnen, sang eine Marseillaise
in allen ihren Eingeweiden und donnerte ihnen in der Lunge
und Leber mit der Pauke des Aufruhrs herum.
Den Höhepunkt der zunehmenden Aufregung bildete das
Jahr 1835. Es war das Erscheinungsjahr einer ganzen
Reihe jungdeutscher Schriften, vor allem von Gutzkows Wally.
Hier wurde, nachdem Gutzkow in dem Roman „Maha Gur“
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