Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

190 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
stützungsbedürftigen lutherisch-protestantischen Bekenntnisses ver⸗ 
denken, wenn sie die Vereinigung beider Kirchen nicht für 
ausgeschlossen hielten, wenn ihr Sinn auch im kirchlichen Be— 
griffe des Wortes nach einer Concordantia catholica stand: und 
wenn sie sich gegenüber den Drohungen eines subjektivistischen 
Christentums halluzinatorisch auf das zähnefletschende Dräuen 
des Teufels aus dem Abgrund beriefen? 
Schon um 1830 war die Kluft zwischen dem, was die 
Kirchen als notwendig ansahen, und dem, was ehrlich-liberaler 
Subjektivismus erstrebte, so groß geworden, daß von einem 
Ausgleich nicht mehr die Rede sein konnte. Und der Kampf 
konnte nicht vermieden werden, da der Liberalismus weit davon 
entfernt war, irreligiös zu sein. Mit Recht betont Gutzkow 
in dieser Hinsicht!: „Unser Zeitalter ist politisch, aber nicht 
gottlos. Wie gern verbände es die Freiheit der Völker mit 
dem Glauben an die Ewigkeit! Aber unchristlich ist unser 
Zeitalter, denn das Christentum scheint sich überall der po— 
litischen Emanzipation in den Weg zu stellen.“ Indem nun 
aber diese Stimmung eintrat, rief eine eigenartige Konstella— 
tion eben die Jungdeutschen zuerst auf den Kampfplatz. Schon 
früh hatte sich im subjektivistischen Zeitalter ein enger Zu— 
sammenhang der ästhetischen und ethischen und damit auch der 
religiösen Interessen bemerkbar gemacht. Er beruhte am Ende 
auf der starken Verquickung aller psychischen Lebensäußerungen, 
die in einem Zeitalter immer mehr zutage treten mußten, das 
in dem Subjekt der Einzelperson als einem Mikrokosmos die 
eigentliche Komponente der psychischen Welt sah. Er lag z. B. 
der immer stärker ausgesprochenen Forderung nach einem Ge— 
samtkunstwerk, den stets wiederholten Postulaten wissenschaft— 
licher Synthese, dem zunehmenden Reichtum der Dilettantismen 
neben den arbeitsteiligen Berufen zugrunde. Auf religiös— 
sittlichästhetischem Gebiete führte dieser Zusammenhang schon 
früh zur Fundamentierung der sittlichen Erziehung auf die 
ästhetische, wie sie vor allem Schiller anstrebte, und noch vor 
1mWally S. 300.
	        
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