194 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
Methoden, seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts zur
Anwendung gebracht. Seine kritischen Untersuchungen der
Quellenschriften des Christentums, auf die sich später seine ge⸗
waltigen kirchengeschichtlichen Forschungen aufbauten, wurden
1831 mit der Abhandlung „über die Christuspartei in der
korinthischen Gemeinde“ eröffnet; ihr folgten später eine Anzahl
weitere Einzeluntersuchungen, deren Ergebnisse schließlich in den
Schriften über den „Apostel Paulus“ 1845 und in den „kriti⸗—
schen Untersuchungen über die kanonischen Evangelien“ 1847
zusammengefaßt wurden. Von diesen Einzelarbeiten boten nun
diejenigen, die Mitte der dreißiger Jahre erschienen, zum ersten
Male die vollendete Methode Baurs dar, und es wurde in
ihnen für gewisse Briefe des Neuen Testamentes der Mangel
an Apostolizität mit Sicherheit erwiesen. Waren diese Ergeb⸗
nisse schon geeignet, Aufsehen zu machen, so mußte hierzu das
beinahe gleichzeitige Erscheinen von Vatkes Geschichte der alt—
testamentlichen Religion noch mehr beitragen, wenngleich dies
Buch, in die schwerverständliche Form Hegelscher Dialektik ge—
hüllt, erst viel später völlig gewirkt hat: in jenen sechziger und
siebziger Jahren, da durch den Straßburger Theologen Reuß
und seinen Schüler Graf, wie durch Kayser, Duhn und vor—
nehmlich Wellhausen (Geschichte Israels, 1878) die alttestament—
liche Quellenkritik umfassender geübt wurde. Was aber das
Jahr 1835 in den religiösen Kämpfen vor allem denkwürdig
machte, war das Auftreten von David Friedrich Strauß, Baurs
vielleicht begabtesten Schülers. In diesem Jahre nahm Strauß
in seinem Leben Jesu die Ergebnisse, zu denen später die
historische Schule Baurs gelangt ist, gleichsam voraus, indem
er zur Quellenkritik des Neuen Testaments zahlreiche Ansätze
machte und Vermutungen aussprach, und versuchte alsbald über
diese bloßen Ansätze hinaus, als sei mit ihnen der kritische
Boden der Überlieferung schon bereitet, kühn in hinreißender
und blendender Sprache die Lebensgeschichte Jesu zu zeichnen.
Was aber diese Biographie der Zeit alsbald besonders
schmackhaft machte und ihr eine außerordentliche Verbreitung
und Wirkung gab, war ein Weiteres. Strauß war in manchem