Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

196 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
die vielen Keime positiv-christlicher Neubildung, die selbst die 
Glaubenslehre von Strauß aufweist; und nur die Frage erschien 
noch übrig, von welcher Seite her den Frommen ein Ersatz 
für den zerstörten Glauben geboten werden könne. 
Sollte da nun nicht die letzte große philosophische Welt— 
anschauung, die Hegels, als Surrogat eintreten können? 
Hegel hatte, namentlich im letzten Jahrzehnt seines Lebens, 
wiederholt erklärt, sein System sei im Grunde, bei einer esoteri— 
schen Betrachtung, wie sie schon die Frühromantik ersehnt hatte, 
mit dem Innersten des christlichen Glaubens identisch. Doch hatte 
er sich, trotz alles Bestrebens, diese Identität im Lehrvortrag und 
in der Systematisierung auch äußerlich herzustellen, über die 
christliche Lehre von Gott, von der Person Christi und von 
der persönlichen Unsterblichkeit so wenig klar ausgesprochen, daß 
vorauszusehen war, daß sich nach seinem Tode unter den Massen 
seiner Anhänger Meinungsverschiedenheiten über diese Punkte 
bilden würden. Und da zeigte sich denn in der Tat eigentlich 
schon von 1832 ab, daß besonders die Gegensätze zwischen einem 
pantheistischen und einem theistischen Gottesbegriffe, zwischen der 
Auffassung der Gottmenschheit als der Idee der Menschheit 
und dem Begriffe Christi als des wirklichen persönlichen Gottes— 
menschen, zwischen der Anschauung von der Ewigkeit des Geistes 
überhaupt und dem Glauben an eine persönliche Unsterblichkeit 
— Gegensätze, die Hegel mit dialektischen Mitteln, vornehmlich 
durch die Bildung von polaren Begriffen, mühsam verdeckt 
hatte —, nicht mehr zu überbrücken waren: von Jahr zu Jahr 
immer weniger vermittelt begann der Widerspruch zwischen 
einer Dialektik, die alles in den zeitlichen Fluß von Gedanken⸗ 
systemen auflöste, und einem Realismus der Anschauung 
zu wirken, dem das Gedachte wirklich war: und langsam 
bildete sich eine Spaltung der Hegelianer in eine Rechte und 
zine Linke. 
Dabei war denn freilich an sich klar, daß die Linke, die 
sich immer mehr einem pantheistischen Monismus zuneigte, nicht 
bloß die Depositarin des eigentlichen Denkens Hegels war, 
sondern auch auf den tieferen subjektivistischen Fundamenten
	        
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