Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Fortschritte des politischen Denkens. 497 
des Zeitbewußtseins überhaupt stand. In der Richtung ihrer 
Anschauungen ist darum schließlich auch die Entwicklung ver— 
laufen: hinweg über den Realidealismus Feuerbachs in die 
scheinbar naturwissenschaftlich gestützten Lehren des Materialis— 
mus der fünfziger Jahre. Die christlich-duaglistische Inter⸗ 
pretation Hegels dagegen, wie sie allerdings auch schon der 
Meister selbst angebahnt hatte, wurde vielmehr nur dem Be— 
streben des Ausgleichs mit der noch bestehenden Weltanschauung 
verdankt: und sie erwies sich darum als ein Transitorium, wie 
die entsprechenden Lehren schon Kants und Leibnizens. 
Indes den Zeitgenossen erschienen die Gegensätze begreif⸗ 
licherweise nicht in diesem leidenschaftslos objektiven Lichte. 
Vielmehr entbrannte um sie der heftigste Kampf der Meinungen 
und Personen: Hegelianer und Hegelingen erscholl der Ruf 
und überdröhnte in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre 
das Getöse des zunächst wieder stiller gewordenen politischen 
Kampfes. 
Und da es sich im Grunde um eine Auseinandersetzung 
pantheistisch-monistischen Denkens mit dem Christentum handelte, 
so begreift es sich, wie sich nun auf dem Boden des Christen⸗ 
rums selbst, soweit ihn Schüler Hegels zu behaupten versuchten, 
wieder verschiedene Meinungen und Observanzen ausbildeten. 
Da waren vor allem die Orthodoxen, die aus Hegel wirk—⸗ 
lich den Beweis des Glaubens führen, also eine dialektische 
Rationalisierung des Christentums durchsetzen wollten. Sie 
nahmen im Laufe der dreißiger Jahre schon sehr ab, so daß 
nunmehr eine Trennung eintrat zwischen einer Orthodorxie, die 
auf dogmatischer Zuversicht als solcher beruhte und namentlich den 
Hierarchen des Kirchenregiments eigen war, und einem immer 
gemütvoller werdenden Rationalismus, dessen Träger nament⸗ 
lich die frommbürgerlichen Kreise waren, innerhalb derer sich 
dieser Rationalismus mit den wohlbewahrten aufklärerischen 
UÜberlieferungen des 18. Jahrhunderts in den verschiedensten 
Schattierungen durchdrang und sättigte. Auf dem entgegen— 
gesetzten Pole der Rechten aber fand sich eine Anzahl von 
Theologen und Philosophen zusammen, deren Anschauung auf 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X. —
	        
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