Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Fortschritte des politischen Denkens. 499 
Jesu erschien und damit ein Theologe, wenn auch fast ihrer 
Observanz, die Erscheinung Christi im Grunde, wie man an—⸗ 
nahm, als das Erzeugnis einer absichtslos dichtenden Sage 
und zugleich als Mythus, als Einkleidung also einer realen 
Idee, der Idee des Gottmenschen, und das hieß jenes Welt— 
prozesses nachwies, in welchem der absolute Geist bewußt end⸗ 
liche Gestalt annimmt. War das nicht die vollkommenste 
Kombination einer historisch-realistischen Kritik mit den jung— 
hegelianischen Restanschauungen der Identitätsphilosophie: schien 
hier nicht das alte Christentum durch einen neuen, esoterisch⸗ 
oergeistigten, letzten Kern seines Mythus abgelöst, ja im Grunde 
ersetzt? 
Seit 1838 erschienen die Halleschen Jahrbücher, heraus— 
gegeben von Ruge und Echtermeyer, in denen die Jung— 
hegelianer der durch Strauß angefachten Bewegung mit dem 
Ergebnis zu Hilfe kamen, daß sie von jenen Resten dogmatischen 
Inhaltes fast nichts mehr bewahrten, die Strauß noch immer 
hatte bestehen lassen. Es war ein Denken, das in den An— 
schauungen Bruno Bauers, eines in sich wenig gefestigten 
Charakters, der, Privatdozent der Theologie an der Universität 
Bonn, von dieser entfernt worden war, vielleicht seinen deut⸗ 
lichsten Ausdruck fand. Bauer setzte an Stelle der Mythus— 
theorie von Strauß eine Anschauung, in der die historische 
UÜberlieferung über die Anfänge des Christentums etwa nach 
der Methode der primitiven Aufklärung des 18. Jahrhunderts 
als ein Erzeugnis späterer theologischer Reflexion verkündet 
wurde. Und roh wie diese Denkweise war auch die Sprache 
der neuen Lehre. Die Theorie der kirchlichen Orthodoxie von 
der Gnadenwahl hat Ruge schon 1888 eine Caprice „der un⸗ 
verschämten Ausschließlichkeit des Häufleins der Frommen“ 
genannt, die „von der Fäulnis des verdorbenen Katholizismus 
angesteckt“ seien. Und ihren Vertreter Heinrich Leo bezeichnete 
Vatke als „wüsten Betbruder mit presbyterianischen Stoß— 
seufzern“ 
So war zu erwarten, daß dieses Treiben nicht allzulange 
dauern werde. Um das Jahr 1840 etwa hat sich der jung— 
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