Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

502 Vierund zwanzigstes Buch. Fünftes LKapitel. 
alle Stützen, die sie noch dem Christentum darboten; nur eine 
Disziplin der Grenzbegriffe unseres Erkenneus gegenüber dem 
Unerkennbaren sollte bestehen bleiben; und eine Erfahrungs⸗ 
philosophie sollte aufgebaut werden allein auf Grund innerer 
und äußerer Wahrnehmungen. Es war ein Weg der Über⸗ 
legung, der auf das Problem ausmündete, wie man denn 
eigentlich, bei gegebener Grundlage, vom einzelnen zum All⸗ 
gemeinen, von der Anschauung zum Denken aufsteigen könne: 
und diese Richtung hat die Philosophie und die Einzelwissen⸗ 
schaften der vierziger und fünfziger Jahre vielfach beschäftigt, 
bis sie, in Deutschland verhältnismäßig spät, besonders etwa 
in der Denkarbeit von Laas (1837 -1885) und Riehl (geboren 
1849 zu völlig bewußtem Ausdruck gelangte. 
Nicht minder aber machten die Schriften Feuerbachs auf 
anthropologisch-⸗psychologischem Gebiete Epoche. Denn hier, wo 
er jederlei Absolutes ebenso entschieden ablehnte wie in der 
Naturphilosophie, hat er im Grunde Max Stirner mit seinem 
Buche vom „Einzigen und seinem Eigentum“ den Pfad geebnet. 
Denn nachdem Feuerbach die Theologie durch Sozial⸗ und 
Individualpsychologie hatte ersetzen wollen, ist es erst Stirner 
gewesen, der von diesem Standpunkte aus in schroffer Folge⸗ 
richtigkeit alle Ideale als wesenslose Illusionen zu verwerfen 
und nichts als das Ich und seine natürlichen selbstischen Zwecke 
als höchste Wirklichkeit hinzustellen suchte. Es waren, in rein 
naturalistischem Sinne, die letzten Konsequenzen des absoluten 
Subjektivismus; es war das Gegenstück zur Entwicklung des 
romantischen Ichs. Und wie dieses aus sich heraus den Idealis⸗ 
mus der Identitätsphilosophie geschaffen hatte, so ließ sich das 
Ich Stirners durch ein volles System des Materialismus ver— 
vollständigen, wie es später Strauß in seinem Buche „Der 
alte und der neue Glaube“ (1872), wenn auch mit gelegent⸗ 
lich schmerzlichen Rückblicken auf das verlorene Paradies eines 
begeisteten Universums entwickelt hat. 
Feuerbach indes zog auf psychologisch-anthropologischem 
Gebiete noch nicht diese bitteren Schlüsse; noch lebte in ihm, 
wenn auch halb erloschen, ein Funke idealistischen Feuers.
	        
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