504 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
Pamphlete in Zustimmung und Widerspruch, hatte auf katho—
lischer Seite eine Schrift von Johannes Ronge, einem gemaß⸗
regelten jungen Priester, hervorgerufen: „Gegen das Götzenfest
zu Trier an den dasigen Bischof als den Tetzel des 19. Jahr⸗
hunderts.“ Es folgte die Begründung freisinniger deutsch⸗
katholischer Gemeinden unter Ronge und Czerski; nicht ganz
in sich einig, zählten sie doch nach wenigen Jahren schon etwa
60 000 Anhänger und tagten, nach einem Versöhnungskonzil
zu Leipzig im Jahre 1845, 1847 auf einem zweiten Konzil zu
Berlin.
Es waren Bewegungen, die Orthodoxie und Legitimismus
vor 1848 vergebens zu ersticken suchten. Was half es, daß
man in Preußen im Jahre 1841 den greisen Schelling an die
Universität Berlin berief, auf daß er die „vollkommene Einigung
der Wissenschaft mit einer Johanneskirche der Zukunft“ an—
bahne! Was nützten direkte Maßregeln der Unterdrückung!
Erst in der Restaurationsluft der fünfziger Jahre sind diese
Schöpfungen, an sich nur schwache Symbole der bestehenden
Erregung, zugrunde gegangen: und über ihrem Grabe wie
über den erloschenen Hoffnungen der kirchlich Freisinnigen be—
gann eine der schlimmsten geistigen Erscheinungen des 19. Jahr⸗
hunderts zu brüten, der passive kirchlich-religiöse Widerstand
der Laien, die Stickluft eines vollendeten kirchlichen und gar
bald auch religiösen Indifferentismus.
Vor 1848 aber, und beginnend schon mit den ersten vierziger
Jahren, war inzwischen die religiös-kirchliche Bewegung, an sich
schon erregt genug, durch eine noch viel leidenschaftlichere po⸗
litische Strömung verschärft, ja überholt worden.
Laßt die alten Weiber sich
Um den Himmel schelten!
Aber freie Männer wir
Lassen das nicht gelten.
GBegen dich, o Vaterland,
Sind uns nichts als eitler Tand
Alle Sternenwelten.
(Aus dem Männerlied Gottfried Kinkels, 1846.)