Fortschritte des politischen Denkens. 509
Den Wendepunkt bezeichnet hier ziemlich genau das Jahr
1840: und so kann dies Jahr bis zu einem gewissen Grade
als das Geburtsjahr des modernen deutschen Nationalgefühls
gelten. Von niemand aber ist diese Zeit schließlich enthu—
siastischer begrüußt worden, als von dem im Grunde seines
Herzens so nationalen Könige Ludwig von Bayern:
Endlich ist gelöst des Bannes Siegel,
Freudig sind die Herzen aufgetan,
Und das Leben wird des Denkens Spiegel,
And zur Wahrheit was erschien als Wahn.
Bezeichnend war dabei, daß das eigentliche Signal des
Aufschwunges durch das erste Ereignis der äußeren Geschichte
gegeben wurde, das die Nation seit den Tagen der Freiheits⸗
kriege wieder erregte: die Bedrohung der Rheingrenze durch
die Franzosen!. Es war wie das früheste, fernste Wetter⸗
leuchten einer Zeit, die da kommen mußte, einer Zeit der
kriegerischen und der staatsmännischen Tat. Und alsbald er⸗
weckte diese erste nationale Stimmung auch die nationale
Poesie: von der epischen Haltung, mit der Jungdeutschland
die Gebildeten zu umstricken versucht hatte, sprang die Dichtung
zur Lyrik über und sang zum Volke. So vermählten sich in
ihr noch einmal letzte Neigungen der Vergangenheit, die auf
Denken und Dichten gingen, mit der Tatenspannung des Zu—
künftigen. Beckers Rheinlied „Sie sollen ihn nicht haben!“
erschien, ein Chor von Liedern schloß sich ihm an, geführt noch
von dem greisen Ernst Moritz Arndt, der, nun einundsiebzig⸗
jährig, in einem von edelster Begeisterung getragenen Liede die
Brücke schlug zwischen der alten Zeit der Erhebung seit 1806
und der neu sich ankündigenden Zeit der vierziger Jahre;
und in den Ruf der Dichter mischte sich schon ein eherner
Drommetenton der Musik; über hundertfünfzig Male ist Beckers
Rheinlied komponiert worden. Unter den Komponisten aber be⸗
faud sich auch Schneckenburger; und eben diesen Tagen verdankt
senes Lied von der Wacht am Rhein seine Entstehung, das ein
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