Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

F Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
alle Willensstrebungen außer mir mithin als unzulässig be— 
trachten? Hob eine solche Betrachtung nicht die Welt der 
Erscheinungen, ja nicht noch viel mehr die sittliche Welt aus 
den Angeln? 
Fichte war ein Mann von viel zu sicherem sozialen Emp— 
finden, als daß er diese Konsequenzen zugelassen hätte. Wie 
seine Schriften in blitzartig wirkenden Zwischensätzen immer 
wieder die innere Erregung verraten, mit der er schreibt, wie 
ihn stets ein warmes Pathos für alles menschlich Große 
leitete, so war er nicht in der Lage, mit einem System 
des Solipsismus oder des Anarchismus zu schließen. Er gab 
vielmehr seiner Lehre jetzt eine weitere Stütze und zugleich 
einen tieferen Hintergrund, indem er zur Erklärung der Vielheit 
der Individuen und deren wesentlich gleicher Haltung einen 
ewigen und unendlichen Willen und Verstand als ihnen zu— 
grunde liegend annahm und in den sozialen Gemeinschaften 
besondere Projektionen dieses souveränen Ichs erblickte: indem 
er somit zum idealistischen Sozialisten und noch mehr, zum 
mystischen Pantheisten wurde. In der Schrift „Anweisung 
zum seligen Leben“ (1806) erscheint diese Wandlung vollzogen. 
Denn nunmehr besteht für Fichte höchste Weisheit und höchste 
Religiosität in dem unmittelbar gläubig empfundenen Zusammen— 
hange der individualen Endlichkeit mit dem einen Unendlichen, 
Ewigen, Göttlichen. In diesem Zusammenhange aber wird 
dem Philosophen die Erkenntnis aktiv und setzt sich in Willen 
um, in eine Liebe Gottes, die fern ruhender Beschaulichkeit vor 
allem tätige Menschenliebe sein soll. 
Man sieht, es ist eine Wendung, die in ihrem letzten Schlusse 
zugleich von dem quieszierenden, in sich satten romantischen 
Subjektivismus hinwegführt zu den gemeinen Pflichten sozialen 
Zusammenlebens: hier war der Punkt, von dem aus Fichte 
weiter fortschritt, die Spuren der frühen Romantik verließ und 
zu jenem glühenden Patrioten der deutschen Freiheitsbewegung 
gegen französische Unterdrückung wurde, als den wir ihn 
kennen. 
Fichtes philosophische Entwicklung ist ein Vorgang, zu
	        
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