Die Frühromantik.
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an, die wir freilich nicht zu erkennen vermögen, sondern nur
intuitiv zu erfahren, wie Schelling sich ausdrückt, intellektuell
anzuschauen imstande sind.
Deutlich zeigt sich in diesen Zusammenhängen ein schon
von Anbeginn ab mystisches Element der Schellingschen Lehre;
und es kann nicht befremden, wenn der sprachgewandte Philo⸗
soph unter diesem Eindrucke die Lehren seines Denkens ge—
legentlich auch im Gedichte vortrug:
Vom ersten Ringen dunkler Kräfte
Bis zum Erguß der ersten Lebenssäfte,
Wo Kraft in Kraft und Stoff in Stoff verquillt,
Die erste Blüt', die erste Knospe schwillt,
Zum ersten Strahl von neugebornem Licht,
Das durch die Nacht wie zweite Schöpfung bricht
Und aus den tausend Augen der Welt
Den Himmel so Tag wie Nacht erhellt,
Ist Eine Kraft, Ein Wechselspiel und Weben,
Ein Trieb und Drang nach immer höherem Leben.
Aber auch Fichte ist, in bescheideneren Grenzen, ein Dichter
gewesen! Und auch er hat, gleich manchem Dichterphilosophen
vor ihm, den eigentlichen Moment seiner inneren Peripetie be⸗
sungen, den Augenblick, da sich bei ihm persönlichstes Schicksal
und philosophische Doktrin aufs innigste verschlangen:
Das ist's! Seit in Uraniens Aug', die tiefe,
Sich selber klare, blaue, stille, reine
Lichtflamm', ich selber still hineingesehen,
Seitdem blieb dieses Aug' mir in der Tiefe,
Und ist in meinem Sein das ewig Eine,
Lebt in mir Leben, sieht in meinem Sehen.
Vor allem aber ist es kein Zufall, daß gerade die früh—
romantischen Philosophen gedichtet haben. Sie waren wirklich
im Grunde Dichter, und sie waren sich dieser Tatsache keineswegs
so gänzlich unbewußt. Ja von diesem Punkte her erhellt dann
erst völlig ihre philosophische Methode und zugleich ihre kultur⸗
geschichtliche Stellung: sie waren es, die die Entwicklung der
mystischen Formen des Denkens im Subjektivismus fortsetzten.