Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
Der Charakter des Mystischen kann in der Ineinssetzung 
des Denkens mit dem zu erkennenden Gegenstande gefunden 
werden. Das aber ist es, was Schelling meinte, bezeichnete 
er als Philosophieren, wenn wir uns „aus dem Wechsel der 
Zeit in unser innerstes Selbst zurückziehen und dort unter der 
Form der Unwandelbarkeit das Ewige anschauen“. Oder was 
—AD00 
ausdrückte: 
Windesrauschen, Gottes Flügel, 
Tief in dunkler Waldesnacht! 
Freigegeben alle Zügel 
Schwingt sich des Gedankens Macht: 
Hört in Lüften ohne Grausen 
Den Gefang der Geister bransen. 
Natürlich sind die Formen dieser Selbstentäußerung zu— 
gunsten des Denkobjekts in verschiedenen Zeiten sehr verschieden 
gewesen; im ganzen waren sie jeweils getreuer Ausdruck steigender 
kultureller Intensität und können daher in der Entwicklung 
der verschiedenen menschlichen Gemeinschaften gut als Leit⸗ 
erscheinungen zur Diagnostizierung bestimmter Kulturzeitalter 
verwendet werden. In der deutschen Geschichte war das Denken 
der Mystik des 10. Jahrhunderts durch wunderliche Formen 
direkter körperlicher Selbstentäußerung, durch rohe Askese gekenn⸗ 
zeichnet; das 12. Jahrhundert dagegen schon, die Zeit des Kon⸗ 
ventionalismus, zeigte die systematische, verhältnismäßig aber 
noch äußerliche geistige Versenkung in der Form der Kontempla⸗ 
tion, als deren intensivere Form dann im Bürgertum des 
14. Jahrhunderts der Raptus, das Überspringen des seelischen 
Fünkleins in den Gegenstand der Kontemplation, in Gott hervor⸗ 
trat. In den Zeiten der Reformation hat darauf Luther die 
hergebrachten Formen mystischer Praxis an sich erprobt und in 
der Gotteskindschaft, dem milden Sichversetzen, sich Anvertrauen 
in Gott, die seiner Zeit genäße gefunden. Und wiederum im 
17. Jahrhundert, im Zeitalter des durchgebildeten Indivi— 
dualismus, erfolgte an dem Orte höchster Ausgestaltung des— 
selben eine weitere Vergeistigung der mystischen Praxis, und 
Spinoza rühmte sich demutsvoll des amor intellectualis Dei.
	        
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