Die Frühromantik.
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legbarkeit bemessen; stellt man sich auf diesen Standpunkt, so
trifft Comtes hartes Urteil von der Liberté vagabonde der
deutschen Ich-Philosophie zum Ziel. Vielmehr dargauf kommt
es an, die Anregungen, die von der Philosophie der Früh—
romantik ausgegangen sind, zu ermessen, gleichviel in welcher
Form und in welchem Zusammenhange sie auftraten.
Und da ist denn das Geringste, was sich für das Gebiet
der Philosophie sagen läßt, noch immer, daß durch den ent—⸗
schiedenen Monismus der gesamten Richtung Lehren, denen
wie dem Cartesianismus Geist und Materie als verschiedene
Substanzen oder Faktoren galten, auf lange Zeit, im ganzen
für das ganze 19. Jahrhundert, von entschiedener Vertretung
in der Philosophie ausgeschlossen worden sind. Es war eine
außerordentliche schützende Wirkung: sie isolierte die Entwick—
lung der Wissenschaften gegenüber den Andrangsversuchen
des christlichen Dualismus; sie machte die Philosophie frei,
eine Metaphysik rein voraussetzungslos allein aus den wissen—
schaftlichen Gegebenheiten als deren hypothetischen Abschluß zu
entwickeln.
Allein diese Wirkungen im engeren Bereiche, wie wichtig
an sich, waren nicht die größesten. Diese lagen vielmehr auf
einem Gebiete, dessen langsame Durchbildung überhaupt erst
für das Zeitalter des Subjektivismus charakteristisch ist. Indem
nämlich diese Zeit die einzelne Persönlichkeit frei stellt gegen—
über Gott und Welt, verlangt sie im Grunde von jedermann
die Durchbildung einer eigenen Weltanschauung; nicht zufällig
ist es daher, wenn schon die großen Dichter der Empfind⸗
samkeit, vor allem aber des Klassizismus ohne Kenntnis
ihrer persönlichen Weltanschauung kaum verstanden werden
können 1.
Wenn aber nun, mit steigender und sich verbreiternder sub⸗
jektivistischer Lebenshaltung in den weiten Kreisen der Ge—
bildeten, diese Pflicht eben seit den Zeiten der Frühromantik
immer mehr empfunden wurde: konnte sie dann in der Tat
S. Band VIII, 2, S. 808 ff.