Full text : Meyer Amschel Rothschild, der Gründer des Rothschildschen Bankhauses

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tief  gesunken  war,  daß  sie  ihre  Truppen  für  fremde  Interessen  kämpfen
ließen,  war  eine  Folge  der  politischen  Zustände  des  alten  Deutschen
Reichs,  die  ganz  dazu  angetan  waren,  Partikularismus  und  Egoismus
zu  fördern.  Staatsrechtlich  waren  die  souveränen  Fürsten  zu  Subsidienverträgen
  befugt,  und  die  hessischen  Stände  erhoben  keinen
Einspruch  dagegen.  Die  öffentliche  Meinung  aber  stand  zu  Friedrichs  II.
Zeit  schon  zum  guten  Teil  gegen  diese  Fürsten 60 .  Auch  bediente
sich  Napoleon  derselben,  um  sein  Vorgehen  gegen  das  hessische
Fürstenhaus  zu  begründen.  In  Wirklichkeit  war  sein  bitterer  Flaß
dadurch  hervorgerufen,  daß  die  hessischen  Fürsten  Frankreichs
Feinde  begünstigt  hatten.  Auch  war  ihm  die  persönliche  Gesinnung
des  Kurfürsten  gegen  ihn  wohl  bekannt.  Und  so  stand  sein  Entschluß ­
  fest,  das  Herrscherhaus,  das  seit  mehr  als  hundert  Jahren
seine  Truppen  in  den  Dienst  Englands  gestellt  hatte,  zu  enttronen
und  dessen  Schätze  seiner  Politik  dienstbar  zu  machen.
Der  Kurfürst,  anstatt  entschlossen  auf  die  eine  oder  andere
Seite  zu  treten,  schwankte  hin  und  her,  bis  er  zuletzt  bei  Ausbruch
der  Feindseligkeiten  zwischen  Napoleon  und  Preußen  sein  Land  als
neutral  erklärte  und,  teils  aus  naiver  Beurteilung  der  politischen
Situation,  teils  auch  aus  kindischem  Eigensinn,  auf  allen  Grenzpfählen
die  Aufschrift  anbringen  ließ:  „Pays  neutre“.  Ende  Oktober  des
Jahres  1806  rückten  dessen  ungeachtet  zwei  feindliche  Heere,  das
eine  von  Süden  unter  Marschall  Mortier,  das  andere  von  Norden
unter  dem  König  von  Holland,  gegen  Kassel  vor,  und  am  1.  November
mußte  der  Kurfürst  seine  Hauptstadt  verlassen,  um  nicht  als
„preußischer  General“  in  Gefangenschaft  zu  geraten.  Er  konnte,
wie  er  selbst  angibt,  nur  das  notwendigste  Reisegeld  mitnehmen
und  floh  in  Begleitung  des  Kurprinzen  und  einiger  Bedienten  zunächst ­
  nach  Arolsen,  um  von  dort  in  Zivilkleidern  nach  Schleswig
zu  reisen 61 .  Am  2.  November  bezog  der  von  Napoleon  ernannte
Generalgouverneur  von  Hessen,  General  Lagrange,  das  kurfürstliche
Residenzschloß,  und  noch  am  selben  Tage  wurden  alle  herrschaftlichen ­
  Kassen  in  Beschlag  genommen.  Zwei  Tage  später  erließ  der
Generalgouverneur  eine  Proklamation,  die  u.  a.  bestimmte,  daß  alle
Landesrevenüen  fortab  für  den  Kaiser  zu  erheben  und  die  Bestände
der  öffentlichen  Kassen  nach  Kassel  abzuführen  seien.  Wer  ver-,
suchen  sollte,  öffentliche  Einkünfte  zu  unterschlagen,  wer  Gelder*
oder  andere  Sachen,  die  dem  Staate  gehörten,  verhehle  und  nicht
binnen  24  Stunden  anzeige,  solle  verhaftet  und  von  einer  militari-
            
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