Die Frühromantik.
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Philosophen mühsam zu deuten suchte, bei den Dichtern offener
dargelegt, klarer veranschaulicht, wirksamer mitgeteilt — und
ins Praktische, ins Leben hineingewendet. „Eine Idee ist“,
heißt es im Athenaeum, „ein bis zur Ironie vollendeter Be⸗
griff, eine absolute Synthesis absoluter Antithesen, der stete
sich selbst erzeugende Wechsel zweier streitender Gedanken. Ein
Ideal ist zugleich Idee und Faktum. Haben die Ideale für
den Denker nicht so viel Individualität wie die Götter des
Altertums für den Künstler, so ist alle Beschäftigung mit
Ideen nichts als ein langweiliges und mühsames Würfelspiel
mit hohlen Formeln oder ein nach Art der chinesischen Bonzen
hinbrütendes Anschauen seiner eigenen Nase.“ Wie anders muten
schon diese Worte an, als jegliche philosophische Enthüllung
der Geheimnisse des triadischen Schlusses! Aber nicht bloß
die Denkmethode, auch das tiefe Denkpathos der Philosophie
wird im Munde der Dichter seiner dialektischen Mystik ent—
kleidet. Läßt Fichte von der These des Ichs zur Antithese
des Nicht-Ichs und von da zur Synthese des Selbstbewußt⸗
seins einen dialektischen Prozeß verlaufen, so beschäftigt ihn
dieser Gedanke nicht als ein dynamischer. Und lehrt Schelling
das Erfließen der Natur- und Geisteswelt aus einem geistigen
Indifferenzpunkte nach links und nach rechts gleichsam bis zu
den niedrigsten Grenzen der Wirksamkeit natürlicher Agentien
einerseits und andrerseits bis zu den höchsten Erscheinungs⸗
formen des Geistes: so verbindet er damit nicht eigentlich den
Begriff des Werdenden, des tatsächlichen Evolutionismus. Und
doch ist klar, daß Fichte und mit ihm auch Schelling, der ihm
folgt, die psychische Statik, von deren Grundlage aus noch
Kant durchaus geurteilt hatte, aufheben, und daß Schelling
dem Gedanken einer organischen Entwicklung, ja selbst eines
Evolutionismus der anorganischen Natur Freunde wirbt. Wird
da nicht der Historiker eben in diesem Zusammenhange ihre
Bedeutung sehen: sind sie ihm nicht gerade hierin die Dol—
metscher des seelischen Charakters ihrer Zeit, der eben Aktua—
lität war und Dynamis und darum die Welt dynamisch und
aktuell zu spiegeln gezwungen blieb?