Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Frühromantik. 
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erkenntnistheoretische Allegorien aufgelöst worden waren, wußte 
jetzt Schleiermacher den einen wie den andern dieser beiden 
Wege zu vermeiden. Dabei wurde ihm der Glaube nunmehr 
gewiß nicht wieder die äußere Abhängigkeit von irgendwelchem 
dehrsystem, wohl aber doch eine entschiedene Bestimmtheit des 
frommen Gefühls, eine klare Tatsache der inneren Erfahrung, 
ein wohlerrungener Teil unseres Selbstbewußtseins. Und diese 
innere Bestimmtheit glaubte er jetzt nicht mehr auf isoliert 
subjektivem Wege gewinnen zu können, sondern sie erschien ihm 
mit geschöpft und bestimmt aus der gemeinsamen Erfahrung 
der geschichtlich erwachsenen religiösen Gemeinschaften, der 
Kirchen. 
Im Glauben des einzelnen traf sich also nunmehr Indivi⸗ 
duelles und Allgemeines: und so war es freilich auch jetzt 
noch eigentlich unmöglich, ein allgemeingültiges System dieses 
Glaubens aufzustellen. Dennoch wurde dies von Schleiermacher 
bersucht, indem er von seiner eigenen religiösen Erfahrung 
ausging und annahm, daß diese sich im Laufe seines Lebens 
allmählich dem durchschnittlichen Glaubensbewußtsein der pro— 
testantischen Kirchengemeinschaft stark oder gar gänzlich ge— 
nähert haben werde. 
Man hat natürlich darüber gestritten, inwiefern diese An⸗ 
nahme zugetroffen habe und habe zutreffen können: inwiefern 
also auf sie hin noch die subjektivistische Belebung großer kirch⸗ 
licher Gemeinschaften möglich sei. Allein nicht dies war zu 
Schleiermachers Zeiten schon eigentlich die brennende Frage. 
Sicher dagegen war, daß die von Schleiermacher gefundene 
Basis eines Ausgleiches zwischen Christentum und Subjektivis⸗ 
mus eine weitgehende Toleranz der dogmatischen Arbeit ge⸗ 
währleisten konnte, wie sie ein außerordentliches Emporblühen 
der geschichtlichen Forschung über die Ursprünge des Christen⸗ 
tums ermöglichte. Auf Grund dieser Zusammenhänge aber 
wurde sie zur Basis der modernen Vermittlungstheologie mit 
ihren verschiedenen, die subjektiven Seiten jedes hervorragenden 
Theologen widerspiegelnden Richtungen und gab vor allem 
schon in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts den
	        
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