Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
heraufzüchten? Konnten sie glaubhaft erscheinen? Es war 
vergebens, daß man in ihre Bearbeitung nicht selten ganz 
moderne Probleme einbezog und damit dem Ganzen das An⸗ 
sehen einer heiteren Scheinwillkür, einer Art dramatischer 
Phantasmagorie zu geben versuchte: das Publikum erwartete 
irgendeine Stabilität des Schicksals; deren Aufhebung machte 
es sozusagen geistig seekrank; und das Ergebnis war stets das⸗ 
selbe, mochte es sich um Brentanos „Gründung Prags“, viel⸗ 
leicht das charakteristischste aller Stücke, oder um andere Dramen 
handeln: es blieb schließlich als denkbar nur das Lesedrama 
zurück. 
Nun konnte man freilich, auch wenn man sich an Stoffe 
mit großer Unbeständigkeit der Schicksalsidee, und das hieß an 
Stoffe der Urzeit, gebunden sah, über das Märchendrama 
hinausgelangen. Man vermochte das Märchen zum Traum 
zu versubjektivieren oder ganz naiv, für Kinderseelen gleichsam, 
in die Gegenwart hinein zu objektivieren: dann drang man in 
die Traum- und Zaubersphäre Goethes ein, und ein Erfolg 
erschien immerhin möglich. 
Indes lag es in der Natur der Dinge, daß von den 
Traums und Zauberdramen im Grunde nur die Traumdramen 
noch der höheren Kunst angehörten. Und unter ihnen auch 
nur diejenigen, welche die ungeheuren Stimmungsmomente des 
Traumes, vor allem die bangen Ahnungen ausnutzten: und so 
reduzierte sich denn das ganze Gebiet im Grunde auf das Drama 
der Ahnung. Darin ist denn freilich mancherlei ges chaffen worden; 
noch Immermanns Merlin gehört in dieses Gebiet, und selbst 
bei Grillparzer, in der Ahnfrau und sonst, ist die stimmungs— 
hildende Kraft der Ahnung festgehalten worden, bis letzte roman⸗ 
tische Stimmungselemente in seinen Dramen, 3. B. in „Des 
Meeres und der Liebe Wellen“, nur noch als ein besonders be— 
rauschender Duft, als ein Parfüm gleichsam dreifachen Extraktes, 
uüber dem Ganzen lagern. Aber beinahe allein in einer solchen 
letzten Durchbildung gewann diese Art des Dramas ein Publikum; 
in den eigentlichen romantischen Stücken vermißte der Zu— 
schauer, von einem widerspruchsreichen Wogenschwall willkür⸗
	        
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