Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Frühromantik. 
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Das Lesedrama bedarf im Grunde der Personen über—⸗ 
haupt nicht, denn diese sind doch wohl eigentlich zum Handeln 
da. Ihm genügen vollauf „Moralitäten“, Prinzipien differenten 
Handelns. „Ich hoffe noch zu erleben,“ meinte später Otto 
Ludwig!, „daß der philosophische rechte Held gar nicht sinnlich, 
d. h. persönlich im Stücke vorkommt; genug, wenn sich durch 
Reflexion nachweisen läßt, daß eine Person, von der zuweilen 
darin gesprochen wird, die philosophischen Erfordernisse zu 
einem tragischen Helden besitze.“ Nun — so weit war es noch 
nicht gekommen. Doch ergab sich das Lesedrama immerhin 
schon in steigendem Umfange den Gesetzen der epischen Kom⸗ 
position, bevorzugte also die Handlung vor den Charakteren, 
erzählte mehr, als daß es durch Aktion wirkte, wurde dem 
Glauben an die Wirklichkeit der Gestalten weniger gerecht und 
schuf rhetorisch bis zu dem Grade, daß der Dichter bisweilen 
an der Stelle der Gestalten zu reden schien. 
Natürlich litt unter einer so allgemeinen Entwicklungs⸗ 
tendenz auch die Schauspielkunst der aufgeführten Stücke. Die 
deutsche Theaterkunst, ursprünglich im Drama wie vornehmlich 
in der Oper dem krassesten Naturalismus ergeben, hatte durch 
die französischen Theoretiker der Zeit Ludwigs XIV., Vertreter 
eines antikisierenden Kunstprinzips, eine erste Regelung erfahren. 
Darüber hinaus waren dann die Naturalismen der Empfind— 
samkeit und des Sturmes und Dranges in sie eingezogen. 
Aber inzwischen hatte Garrick in England einen neuen ge— 
mäßigten Naturalismus zur Herrschaft gebracht: und diesen 
hatte darauf Lessing in seinen Lehren mit idealistischen wie 
naturalistischen Erscheinungen der heimischen Bühne derart zu 
einheitlicher Wirkung verbunden, daß sie die Theater Deutsch— 
lands im allgemeinen bis auf Tieck beherrschten. Freilich mit 
einer überaus wichtigen Ausnahme. In Weimar hatten die 
Dioskuren für ihre Dramen und ihre Bühne überhaupt einen 
eigenen Stil entwickelt, der, mochte sich auch Schiller mehr der 
Leseprobe, Goethe mehr der Einstudierung der Gebärde und 
Werke 2, 783.
	        
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