Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

70 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
Man wird hier die Romantiker selber hören müssen, um die 
feinen Schattierungen des Übergangs nicht zu verfehlen. 
„Gäbe es eine Kunst, Individuen zu verschmelzen oder könnte 
die wünschende Kritik etwas mehr als wünschen, wozu sie 
überall so viel Veranlassung findet, so möchte ich Jean Paul 
und Peter Leberecht (Tieck) kombiniert sehen. Gerade alles, 
was jenem fehlt, hat dieser. Jean Pauls groteskes Talent 
und Peter Leberechts phantastische Bildung vereinigt, würden 
einen vortrefflichen romantischen Dichter hervorbringen!“ 
Aber aus dem Romane der Empfindsamkeit und des 
Sturmes und Dranges hatte sich inzwischen, vertreten vor 
allem durch Goethe, eine erste subjektivistische Schöpfung höchster 
Vollendung, der psychologische Roman des Klassizismus ent— 
faltet: durch Werther und Wilhelm Meister bis zu den 
Wahlverwandtschaften aus dem Individualpsychischen in das 
Sozialpsychische höchsten Sinnes aufsteigend, hatte er ge— 
zeigt, wie sich moderne Gesinnungen und Begebenheiten dar⸗ 
stellen lassen in nicht minderem Sinne, wie auf dramatischem 
Gebiete in Iphigenie und Tasso trotz aller historischen Stoffe 
moderne Charaktere und Handlungen gezeichnet worden waren. 
Eingeleitet erschien damit eine außerordentliche Höhe der Ent⸗ 
wicklung, die unmittelbar an Technik und Interessen der Gegen⸗ 
wart heranreicht. Konnte nun vor allem sie in der früh— 
romantischen Kunst bewahrt oder gar etwa überschritten werden? 
Man weiß, wie die jungen Romantiker vor allem Wilhelm 
Meister geschätzt haben; sein Erscheinen galt ihnen als eins 
der großen Ereignisse der Zeit. Und gewiß haben sie an diesem 
Muster gehangen; wie oft sind Situationen und Charaktere 
des Romans von ihnen variiert worden: das Bildungsmoment; 
der ziellose untätige Held; Frauencharaktere in der Weise 
Mignons und Philinens; eigenartige Situationen nächtlicher 
Besuche; lyrische Einlagen?. 
Athenaeum J, 2, S. 38. 
2 Bgl. dazu die Geschichte des Romans in der Spätromantik, unten 
Kapitel 2 Abschnitt III.
	        
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