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Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
mit dem gewöhnlichen Maßstabe der Erzählung gemessen
werden, geschweige denn, daß die Frage aufdeworfen werden
darf, inwiefern durch ihn die Form der Erzählung gefördert
worden sei. Gewiß schwelgen die Romane dieser Zeit in Farben
und Tönen; das eigentlich Malerische des deutschen Stils, eine
außerordentliche Wesensseite unserer modernen Sprache, wird
vor allem in ihnen entdeckt; und das Ungewöhnliche ins—
besondere, das Schaurige, das Gespensterhafte wirkt mit
einem ganz unerhörten Reichtum von Schattierungen. Allein
daß in ihnen erzählt würde, kann nur mit Einschränkung be—
hauptet werden, und Anschauungskraft und Gedächtnis finden
zu ihnen kaum ein Verhältnis. Denn es handelt sich da der
Hauptsache nach gar nicht um Schilderungen in Anknüpfung
an eine gegebene Welt, sondern um Phantasmagorien aus
einem höheren Dasein, aus der transzendenten Welt des Ichs:
und darum blühen auf diesen Gründen nicht Schilderung
und Bericht, sondern Allegorie, Symbolismus und Mystik.
Und auch da, wo die Welt notwendig gemalt werden muß,
wird sie nicht nach dem Lebenden skizziert, sondern „ver⸗
klärt“ dargestellt, wird sie zum „Wunder“. Da findet sich
denn in Novalis' Heinrich von Ofterdingen, dem Musterstück
der Gattung, kaum die Andeutung einer Charakterschilderung,
ja kaum grundsätzlich die Schilderung von Personen überhaupt;
Kaufleute, die Heinrich begleiten, sprechen bezeichnenderweise
nur im Chor! Und dementsprechend fehlt mit mangelnden
Motivenreihen auch der innere kausale Zusammenhang der
Ereignisse, und so zerflattert die Komposition: keine Spur
davon, daß sie geschlossen einem bestimmten Ende zudrängte.
Diese Art einer angeblichen Form aber ist für alle Romane
der Zeit charakteristisch; charakteristisch also auch, daß nur
wenige von ihnen vollendet wurden.
Es sind eingeborene Züge der erzählenden Dichtung;
immer kehren sie wieder; sogar auf eine jüngere Generation,
z. B. De la Motte Fouqus sind sie noch vererbt: denn auch
er noch wirft tausend Stoffe in Romanen ohne Zeit und Ort
durcheinander; auch bei ihm noch findet sich keinerlei Spur