Die Frühromantik.
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klarer Charakteristik; und eine Schilderung der Außenwelt
dominiert, welche die Natur nur in ihren gröbsten Zügen als
Behausung von menschlichen und übermenschlichen Geistern zu
kennen scheint.
So war denn die Erzählung der Frühromantik eigentlich
etwas auf mystischem Hintergrunde Subjektiv-Lyrisches: und
hieraus wäre zu schließen, daß die dichterische Phantasie der
Zeit in der Lyrik gipfeln mußte. Diese Annahme wird nun
auch durch die Beobachtung bestätigt; auf keinem Gebiete hat
die Dichtung der Frühromantik dauerndere Werte geschaffen
wie auf dem lyrischen. Aber freilich bleibt auch hier die
Grundlage des Empfindens die selbe, mystische.
Das Ziel des Strebens ist ein mystisch Bild
Von sinnlich-geist'ger Harmonie gestellt.
Die Sehnsucht wird durch Sehnen noch gestillt:
Als Ort des Sehnens lieben wir die Welt.
So auch mit Sehnsuchtsdüften überhüllt
Die neue Kunst dem Menschen wohlgefällt.
Hellenisch Leben, du bist uns verloren,
Drum haben das romantische wir erkoren.
Es sind etwas ungefüge Verse Mniochs; sie sollen aber
hier gleichwohl angeführt sein, weil sie mehr als tausend andere
in die seelischen Voraussetzungen der frühromantischen Lyrik
einführen. Da lernen wir sie kennen, die Mystik in ihrem
ewig unerfüllten Suchen nach Ineinssetzung mit den Dingen
in realistisch-idealistischer Ausgleichung: in jener Sehnsucht,
der Sehnsucht schließlich selbst Gehalt und damit Selbst—
zweck wird.
Die Welt ist eine Lilie, eine blaue,
Ein Inbegriff geheimnisvoller Dinge ....
An dieser Lilie weitem Wunderbaue
Hängt schwebend mit der sehnsuchtmüden Schwinge
Des Menschen Geist, gleich einem Schmetterlinge,
Und lechzet durstig nach des Kelches Taue.
(Rückert.)
Freilich: läßt sich dieser Zustand mystischen Sehnens, auf
die Dauer ein unerträgliches Dasein nervöser Spannung,