Die Frühromantik.
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Geschlechter verschob sich. Wie die Zahl der dichtenden Frauen,
zum ersten Male in unserer literarischen Entwicklung, beträcht⸗
licher stieg, so erschien das Weib als der Schoß schöpferischer
Fruchtbarkeit und als der Träger uralter Weisheit, und der
Mann als der Barbar bloßen Schutzes. Im letzten und aller⸗
letzten aber gipfelte diese Umwertung aller Werte im Kulte
der Mystik. Da tauchte die Verehrung der alten transzen—
dierenden Meister auf von Tauler und Meister Eckhart über
Thomas von Kempen bis Jakob Boehme, dem Gottseligen des
Protestantismus:
Wer möchte nicht erwerben
So hohen Meisterthron?
Wer nicht aus Liebe sterben,
Wenn das des Todes Lohn?
Max von Schenkendorf.)
Und noch einmal wieder rückwärts wirkte diese Empfind—
samkeit für bisher ungekannte Werte. Die Formen der Dichtung
selbst wurden jetzt sonderbar: prunkend, schmuckbeladen, sinn⸗
lich-musikalisch, auswärtigen Literaturen entnommen, Sonett,
Oktave: bis es scheinen konnte, als müsse unter ihrer barocken
Märchenpracht jeglicher Inhalt zusammenbrechen.
Es ist die Höhe der Entwicklung, die Poesie der Schlegel,
Tiecks, auch noch von Novalis. Aber sie war vorbereitet durch
einen leisen Anstieg, zum Zeichen des, daß sie organisch war.
Während sich die volle Ausbildung an das preziöse Berlin mit
seinen literarischen Zirkeln und an Thüringen knüpfte, das
Land so vieler Reize uralten Sanges, fielen die vorbereitenden
Zeiten nach Schwaben: in das Gebiet, in dem sich die Ro—
mantik, ohne vieles Dazwischentreten des Klassizismus, rein aus
Empfindsamkeit und Sturm und Drang heraus gestaltet hat.
Aber vorher führte Friedrich Matthisson, schon in den
achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts, den Reigen und glänzte,
noch an Klopstock und Ossian erinnernd, als gefühlvoller Dichter
der Landschaft. Dann folgte ihm, als bedeutendster einer
ganzen Gruppe, der unglückliche Hölderlin. Voll Ahnungen
bereits der Mystik eines Schelling ja Hegel, in seinem Hyperion