Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Frühromantik. 
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Geschlechter verschob sich. Wie die Zahl der dichtenden Frauen, 
zum ersten Male in unserer literarischen Entwicklung, beträcht⸗ 
licher stieg, so erschien das Weib als der Schoß schöpferischer 
Fruchtbarkeit und als der Träger uralter Weisheit, und der 
Mann als der Barbar bloßen Schutzes. Im letzten und aller⸗ 
letzten aber gipfelte diese Umwertung aller Werte im Kulte 
der Mystik. Da tauchte die Verehrung der alten transzen— 
dierenden Meister auf von Tauler und Meister Eckhart über 
Thomas von Kempen bis Jakob Boehme, dem Gottseligen des 
Protestantismus: 
Wer möchte nicht erwerben 
So hohen Meisterthron? 
Wer nicht aus Liebe sterben, 
Wenn das des Todes Lohn? 
Max von Schenkendorf.) 
Und noch einmal wieder rückwärts wirkte diese Empfind— 
samkeit für bisher ungekannte Werte. Die Formen der Dichtung 
selbst wurden jetzt sonderbar: prunkend, schmuckbeladen, sinn⸗ 
lich-musikalisch, auswärtigen Literaturen entnommen, Sonett, 
Oktave: bis es scheinen konnte, als müsse unter ihrer barocken 
Märchenpracht jeglicher Inhalt zusammenbrechen. 
Es ist die Höhe der Entwicklung, die Poesie der Schlegel, 
Tiecks, auch noch von Novalis. Aber sie war vorbereitet durch 
einen leisen Anstieg, zum Zeichen des, daß sie organisch war. 
Während sich die volle Ausbildung an das preziöse Berlin mit 
seinen literarischen Zirkeln und an Thüringen knüpfte, das 
Land so vieler Reize uralten Sanges, fielen die vorbereitenden 
Zeiten nach Schwaben: in das Gebiet, in dem sich die Ro— 
mantik, ohne vieles Dazwischentreten des Klassizismus, rein aus 
Empfindsamkeit und Sturm und Drang heraus gestaltet hat. 
Aber vorher führte Friedrich Matthisson, schon in den 
achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts, den Reigen und glänzte, 
noch an Klopstock und Ossian erinnernd, als gefühlvoller Dichter 
der Landschaft. Dann folgte ihm, als bedeutendster einer 
ganzen Gruppe, der unglückliche Hölderlin. Voll Ahnungen 
bereits der Mystik eines Schelling ja Hegel, in seinem Hyperion
	        
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