Die Frühromantik.
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und motivierte Liederlyrik, angeregt und auf eine höhere Stufe
gehoben: es entstand etwas, das man am besten, da in ihm
die frühromantische Strömung als in einem halbfremden
Körper nur reflektierte, als objektive Romantik bezeichnen kann;
und wir werden sehen, wie diese Strömung immer und immer
stärker verlief, indem sie sich zusehends mit gegenständlicherem
Leben füllte: bis aus ihr die Poesie vor allem schon der
Spätromantik, darauf aber auch zum Teil noch des Realismus
hervorbrach. Aber daneben stand nun doch, auch sie noch zu—
nächst beherrschend, die eigentliche, die hohe Lyrik der Früh—
romantik. Sie war symbolisch, mystisch; ganz brachte sie den
neuen seelischen Gehalt des extremen Subjektivismus zum
Ausdruck. Und so darf man denn sagen, daß sich der mystische
Kern des frühromantischen Seelenlebens nächst der spekulativen
Philosophie am unbedingtesten eben doch in dieser höchst eigen—
artigen Lyrik ausgewirkt hat.
Ist nun unter diesen Umstäuden zu erwarten, daß
die bildende Kunst der Zeit, dieser noch viel anschaulichere
Kreis menschlicher Phantasietätigkeit, analoge Grenzen erfüllt
habe oder gar über sie hinaus gelangt sei? Konnten denn
etwa Bildnerei und Baukunst den hier auftretenden innersten
Tendenzen irgendwie gerecht werden? Die Plastik — schon
das Wort besagt in diesem Zusammenhange alles — versagte
natürlich ganz; sogar die objektive Romantik hat späterhin
kaum eine originale Bildnerei entwickelt. In der Architektur
aber hätte sich wohl in der Form mystisch-mathematischer Raum—
und Verhältnisspielereien ein Äquivalent für den spekulativen
Mystizismus finden lassen. Allein diese Art der Verobjektivierung
ist einer Zeit hochentwickelter Naturwissenschaften nicht mehr
zugänglich und, wo sie als voll entfaltete Erscheinung vor—
kommt, ein wohl ganz unbedingtes Kennzeichen junger Kulturen.
So blieb die Malerei. Und sie allerdings noch am meisten
konnte Veziehungen zu den inneren Strömungen der Früh—
romantik entwickeln: steht sie doch von allen bildenden Kunsten
der Dichtung, und insbesondere der Lyrik, am nächsten, und
ist sie doch zudem auch noch aus kulturgeschichtlichen Gründen,