Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 498 
1866 geradezu überwältigend erbracht. Diesem Eindruck entzog 
sich auch das Land nicht. Die Neuwahlen zum Abgeordnetenhaus, 
die am Tage der Schlacht bei Königgrätz stattfanden, brachten 
der Regierung fast schon eine Mehrheit an Stelle der elf Mann, 
auf die sie im letzten Landtage noch hatte zählen können. 
Gespannt aber war die Welt, wie sich die Regierung jetzt, 
nach dem Kriege, siegreich und gefeiert, zu dem immer noch 
nicht beseitigten Verfassungskonflikte stellen würde. Und da 
fehlte es denn nicht an Männern, die dem Könige rieten, 
er möge den Sieg dazu benutzen, den altpreußischen Staat 
in seiner akonstitutionellen Reinheit wiederherzustellen und die 
parlamentarische Rederei zu beseitigen: Preußen sei als Militär⸗ 
staat groß geworden und könne fich nur als Militärstaat er⸗ 
halten. Sogar im Ministerium scheint diese Meinung über— 
wogen zu haben. Aber ihr stellte sich Bismarck mit dem ganzen 
Gewicht seiner Persönlichkeit entgegen. Schon vor dem Kriege 
hatte er, zur Versöhnung der Leidenschaften, für die seit 
bier Jahren ohne Gesetz geführte Verwaltung nachträglich in 
einem Indemnitätsgesetze die verfassungsmäßige Zustimmung 
fordern wollen, wie er denn um diese Zeit auch mit Fuhrern 
des gemäßigten Flügels der Opposition, Twesten, von Unruh, 
in Verbindung getreten war. Jetzt, am 3. August, gelang es 
ihm, im Verein mit den Ministern Eulenburg und von der 
Heydt, nach langem Kampfe den König zu dieser Ansicht, die 
freilich die Anerkennung des konstitutionellen Regimes in sich 
schloß, zu bewegen. 
Am 4. August kehrte König Wilhelm nach Berlin zurück; 
am 5. August eröffnete er mit einer Thronrede im Weißen Saal 
persönlich den Landtag. Es geschah unter atemloser Spannung. 
Aber wie verwandelte diese sich in hohe Freude, als die Ein⸗ 
bringung der Indemnitätsvorlage verkündet wurde. Die Finanz⸗ 
lage konnte zudem als glänzend bezeichnet werden. 
Nun schmolz auch im Abgeordnetenhause das Eis. Der 
bisherige Präsident Grabow bat, ihm nicht wieder den Vorsitz 
zu übertragen, da seine Person vielleicht ein Hindernis der 
Versöhnung sein könne. Man willfahrte ihm; an seiner Stelle
	        
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