Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

510 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
eine künftige klerikale Opposition an: und sie zeigte sich hier 
sofort völlig als rein gegen die deutsche Einheit unter preußischer 
Führung gerichtet; denn von kirchlichen und religiösen Fragen 
konnte bei diesen Zollparlamentswahlen doch in keinem Sinne 
die Rede sein. 
Das gleiche Resultat ergaben die Verhandlungen des Zoll— 
varlaments selbst, die am 27. April 1868 zu Berlin begannen. 
Es war natürlich, daß in ihnen die künftige deutsche Einheit 
gestreift wurde; schon die Thronrede vermied diesen Ton nicht 
oöllig; und die Nationalen brachten alsbald eine Adresse an 
König Wilhelm ein, die darauf hinauslief, das Zollparlament, 
wie man sagte, in ein Vollparlament umgewandelt zu sehen. 
Allein diese Adresse wurde, zumeist durch die Bemühungen der 
süddeutschen Klerikalen, mit hundertsechsundachtzig gegen hundert— 
undfünfzig Stimmen abgelehnt. Bismarck hatte Mühe, die er⸗ 
regten Geister zusammenzuhalten und auf den eigentlichen Gegen⸗ 
stand der Beratungen zu fixieren. 
Hier lief denn allerdings alles so ziemlich glatt ab. Ein 
Handelsvertrag mit sterreich wurde mit großer Majorität ge⸗ 
nehmigt, dagegen ein Petroleumzoll und die Erhöhung der 
Tabaksteuer verworfen und der Plan einer allgemeinen Tarif— 
reform von der Regierung zurückgezogen. Am 28. Mai 1868 
wurde darauf die erste Session geschlossen; spätere Sessionen 
in den Jahren 1869 und 1870 aber haben nur technischer Be— 
ratung gedient; unter anderem wurde ein Handelsvertrag mit 
der Schweiz geschlossen, ein neues Vereinszollgesetz nun wirk— 
lich durchgebracht und die Rübenzuckersteuer geregelt. 
Eine weitere Entwicklungsfähigkeit aber zur Lösung der 
deutschen Einheitsfrage wohnte diesem Parlamente offenbar nicht 
inne; um so weniger, als sich die Stimmungen in Süd— 
deutschland im Laufe der folgenden Jahre gegenüber dem Nord⸗— 
hund keineswegs besserten. Es ist ein Gegenstand, den ins 
einzelne zu verfolgen von Wichtigkeit ist. 
In Württemberg zunächst blieb noch die demokratisch— 
großdeutsche Stimmung in der Herrschaft; ihr gegenüber 
konnten auch die Klerikalen nicht aufkommen. Dabei entfaltete
	        
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