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zumal ja, wie wir wissen, im Sinne der Abstinenztheorie gerade
der Bedacht auf sie die Produzenten abhalten soll, die Produktion
auf minderwertige künftige Ziele zu richten. In unserem Bei-
spiele würde diese Auffassung sich in folgender Ziffergruppierung
ausprägen: das sofort zu leistende Arbeits- (oder Geld-) Opfer
beträgt 6,21. Die Summe der fünfjährigen Warteopfer, durch
welche das Gesamtopfer sukzessive bis auf 10 aufgefüllt wird,
beträgt demnach 3,79. Da aber diese Warteopfer noch in der
Zukunft liegen und zwar im Durchschnitt erst nach 21 Jahren
zu „erdulden‘“ sind, ist ihr Gegenwartswert entsprechend ge-
ringer anzuschlagen und zwar würde er sich unter Annahme des
Reduktionsmaßstabes von 10°/, ungefähr auf 2,96 stellen. Hier-
nach wäre der Gegenwartswert aller zu berücksichtigenden Opfer
6,21 + 2,96 = 9,17, der Gegenwartswert des anzustrebenden
Zieles aber nur 6,21 — ein Größenverhältnis, das einer vernünf-
tigen Handlungsweise offenbar nicht zugrunde liegen kann“).
Wir haben diesen Ausführungen nur wenig hinzuzufügen.
Deutlich zeigt sich hier, daß irgendwo ein logischer Fehler be-
gangen werden muß, denn die Abstinenztheorie gerät zu der
Tatsache der Unterschätzung zukünftiger Genüsse, von der sie
ausgeht, in Widerspruch. Der Fehler liegt in der Annahme, daß
der Verzicht auf einen gegenwärtigen Genuß infolge der Unter-
schätzung zukünftiger Genüsse ein Opfer involviere. Weshalb
2s sich hier um kein Opfer handelt, ist leicht nachzuweisen. In-
dem ich meine Mittel auf die einzelnen Bedürfnisse entsprechend
ihrer Intensität verteile, erreiche ich unter den gegebenen Ver-
hältnissen ein Maximum an Bedürfnisbefriedigung, ich bringe
also kein Opfer. Da infolge der Unterschätzung zukünftiger
Genüsse diese einen geringeren Grenznutzen als gegenwärtige
Genüsse gleicher Art haben, so kommen sie einfach mit der
Befriedigung später an die Reihe, sie werden erst dann befriedigt,
wenn die Deckung der gegenwärtigen Bedürfnisse bis zu dem
Intensitätsgrade fortgeschritten ist, der auch bei den zukünftigen
Bedürfnissen vorliegt. Auch dann handelt es sich um kein
Opfer, wenn ich mehr Mittel von der Gegenwart abziehe, als der
Unterschätzung zukünftiger Bedürfnisse angemessen erscheint,
ıy Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik, S. 486/89 (die Unter-
streichungen stammen von Böhm-Bawerk).
Heinze, Statische oder dynamische Zinstheorie?
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