576 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
diese zur Deckung künftiger Ausgaben verwendet sehen. Sie
erblickte auch in den etwa zu erhebenden Matrikularbeiträgen
nur einen Notbehelf; statt dessen sollte ein Reichssteuersystem
entwickelt werden und der Bund auch befugt sein, Anleihen
aufzunehmen. Sie wollte endlich eine jährliche Abrechnung
vor und Entlastung durch den Bundesrat und Reichstag. Mit
einem Worte: sie führte, ohne daß sich der Bundesrat dem
widersetzen konnte, eine volle Finanzverwaltung ein und stellte
in Aussicht, daß der Bund statt der Matrikularbeiträge eigene
Einnahmen erhalten sollte. Wurde aber diese letztere Aussicht
verwirklicht, ja wurden im Bunde gar Überschüsse aus eigenen
Steuern erzielt, so stand der Bund offenbar finanziell völlig
selbständig über den Einzelstaaten.
Nun ist es im Norddeutschen Bunde wohl zur Entwicklung
der Anfänge einer Finanzverwaltung gekommen, nicht aber zu
einer Erhöhung der Finanzen, welche die Matrikularbeiträge
unnötig gemacht hätten. Das Reich trat darum finanziell sein
Dasein mit sehr geringen Einnahmen an: aus der Post, aus
der Wechselstempelsteuer und aus den damals noch sehr niedrigen
Zöllen. Im übrigen war es auf Matrikularumlagen angewiesen.
Diese betrugen im Jahre 1873 fast einhundertvier Millionen
Mark, sanken 1874 auf siebenundsechzig Millionen, blieben
1875 und 1876 auf der Höhe von neunundsechzig und zwei—
undsiebzig Millionen, fielen 1877 rapide auf achtzehn Millionen,
stiegen dagegen 1878 und 1879 wiederum auf einundachtzig
und siebenundachtzig Millionen.
Nun ergab sich schon früh, daß die Einzelstaaten sich bei dieser
Entwicklung der finanziellen Anarchie nähern mußten und jeden⸗
falls in den Landesbudgets nur überaus schwer zu wirtschaften
vermochten. Denn wie sollten sie mit ihren Bedürfnissen und
Einnahmen dem enormen Schwanken der Matrikularumlagen
rationell folgen? Außerdem aber wurde von Reichs wegen bald
klar, daß der Reichsgedanke selbständig nur werden konnte,
wenn das Reich finanziell auf eigenen Füßen stand, und nicht
mehr, wie es Bismarck später ausgedrückt hat, Kostgänger der
Einzelstaaten bliebe. Dieser Gedanke stand dem Fürsten schon