Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Ursprung, Verlauf und Ausgang des Anlturkampfs. 677 
gebung, die durchweg paritätisch gedacht war und also alle 
kirchlichen Genossenschaften gleich traf, auf die evangelische Kirche 
recht eigentlich als einen Schlag auch gegen ihre Interessen 
empfanden. Konservative Anschauung, kirchlich gewandt, mußte 
sich in dieser Zeit, nach den Schicksalen des Protestantismus 
in den fünfziger und sechziger Jahren, der Orthodoxie zuneigen. 
Nun hatte aber die evangelische Orthodorie das Heil der Kirche 
eben seit den fünfziger Jahren unter den entsprechenden Modifi⸗ 
kationen in mancher Hinsicht in derselben Richtung gesucht wie 
der Klerikalismus innerhalb der katholischen Kirche: in der Ent— 
wicklung eines pastoralen Papalismus. Es war danach selbst⸗ 
verständlich, daß sich durch die Bekämpfung des Klerikalismus 
auch die protestantischen Orthodoxen, und das hieß wieder zum 
großen Teile die politisch Konservativen, getroffen fühlten. 
Daneben galt für einen Teil der Konservativen, nämlich 
den Landadel namentlich der östlichen Provinzen, der zugleich 
oielfach Pfarrpatronate besaß, noch ein anderer Zusammenhang. 
Dieser Adel hatte zum größten Teile mit den Ortspfarrern in 
einem Einvernehmen gelebt, das ihn sehr häufig, ja zumeist, bei 
aller Religiosität die Kirche doch zugleich auch als ein Institut 
geistlicher und sittlicher Ortspolizei unter seiner obersten Auf⸗ 
sicht betrachten ließ. In diese patriarchalisch privilegienartigen 
Verhältnisse schob sich nun die neue staatliche Gesetzgebung 
formal ordnend, alte Zusammenhänge zerreißend ein. Wie 
einen persönlichen Angriff, ja wie eine Beleidigung empfand 
man, vielfach auch auf seiten der Pfarrer, dies Vorgehen. 
So begreift es sich, wenn die konservative Partei in voller 
Leidenschaft gegen die antiklerikale Gesetzgebung entbrannte: 
nicht minder wie die katholischen haben die evangelisch⸗ortho⸗ 
doxen und konservativen Organe der öffentlichen Meinung schon 
die Serie der im Januar bis März 1873 zur Diskussion 
stehenden Gesetze angegriffen. Freilich waren diese trotzdem im 
Abgeordnetenhause angenommen worden. Aber die Zustimmung 
des Herrenhauses stand noch aus; und die hier stark vertretenen 
konservativ⸗orthodoxen Elemente gaben sich alle Mühe, sie zu 
verhindern.
	        
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