Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

680 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
einen fast vollkommenen Ruin der orthodor-konservativen Partei 
vom Schlage der „Kreuzzeitung“: die Zahl ihrer Mitglieder sank 
auf sechs. Dagegen wurden zweiundzwanzig Neukonservative und 
vierzig Freikonservative und zweihunderteinundfünfzig Liberale 
verschiedener Schattierungen gewählt. Das Zentrum aber blieb 
machtlos, wenn es sich auch um zwanzig Abgeordnete vermehrt 
sah und ihm achtzehn Polen und zwei Welfen zugetan waren. 
Und auch bei den am 10. Januar 1874 erfolgenden Reichstags⸗ 
wahlen war das Ergebnis dasselbe. Nationalliberale und Fort— 
schrittspartei zusammen hatten schon die absolute Mehrheit in 
dem neuen Reichstage, die Konservativen strenger Observanz 
waren fast verschwunden. 
So konnten die neuen Gesetzgebungsperioden die Festigung 
der defensiven Stellung gegen den Klerikalismus bringen, 
während das erste Bündel der Maigesetze in Preußen sowie 
verwandte Maßregeln in den anderen paritätischen Bundes— 
staaten zur Anwendung gelangten. 
Der organischen Ergänzung bedurfte die bisher entwickelte 
Gesetzgebung eigentlich nur noch an einer Stelle: in der Frage 
jener Ehegesetzgebung, von der aus sich im 19. Jahrhundert die 
ersten Differenzen zwischen staatlichem Bedürfnis und klerikalem 
Wachstum der katholischen Kirche ergeben hatten!. Hier waren 
seit dem Vatikanum immer mehr unhaltbare Zustände ein— 
getreten. Da der Eheabschluß ganz in den Händen der Geist⸗ 
lichen lag, so knüpfte die katholische Kirche an ihn die Forderung 
auf Anerkennung des Vatikanums und bei gemischten Paaren 
selbstverständlich viel energischer als je das Versprechen katho— 
lischer Kindererziehung. 
Nun war es möglich, in diesen Dingen landesgesetzlich 
vorzugehen; und in diesem Sinne griff man die Frage in 
Preußen an, indem dem Landtage im November 1873 ein Ent⸗ 
wurf über die obligatorische Zivilehe und die Personenstands⸗ 
register vorgelegt wurde, der am 9. März 1874 als Gesetz 
verkündet werden konnte. Allein in Bayern war dieser Weg 
1S. oben S. 39 ff.
	        
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