Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 697
einem Konflikte zwischen Spanien und dem Reiche über die
Qarolinen das Schiedsrichteramt des Papstes angerufen und
sich dessen Schiedsspruch zu gegenseitiger Zufriedenheit unter⸗
worfen: im Schönhausener Museum erinnert noch ein Porträt
Leos XIII., ein Geschenk des Dargestellten an den Fürsten, an
diese besondere Episode.
Betrachtete man daher die Dinge von all diesen Seiten
her, so konnte man um 1885 wohl sagen, der Staat habe im
Kulturkampfe, nach manchem Exzeß auch von seiner Seite,
schließlich doch in der Hauptsache gesiegt.
Von einer anderen Seite aus indes erschienen doch wieder die
Erfolge der Kirche sehr groß, ja größer fast als die des Staates.
Hatte sich die Kirche als Institution gefügt, so war der
Klerikalismus als solcher mit nichten unterdrückt worden. Im
Gegenteil: seine geistige Bedeutung war im Kampfe gewachsen.
Ein Geistesleben ausgesprochen katholischen Charakters wird in
Deutschland erst dem Kulturkampfe verdankt: denn energischer,
wenn auch geistig noch nicht ebenbürtig, stellte es sich nun
neben das früher allbeherrschende Geistesleben des Protestan—
tismus. Und in dieser Wandlung war einstweilen, und viel⸗
leicht noch auf längere Zeit hin, die Möglichkeit gegeben, jeder⸗
zeit den Kulturkampf von neuem und in manchem Betracht mit
besserer Aussicht auf Erfolg, zu beginnen. In dem Gefühl dieser
Zusammenhänge aber war die Staatsgewalt dem keineswegs
zugrunde gegangenen Zentrum gegenüber vielleicht unbedingt in
der Lage, manch weiteres Zugeständnis machen zu müssen.
Welches waren aber die Nährkräfte dieses einstweilen schein—
har unüberwindlichen Klerikalismus? Sie lagen so tief in der
geistigen Konstitution des 19. Jahrhunderts begründet, daß keine
Staatskunst sie unmittelbar ausscheiden, keine neuere Geistes—
bewegung sie direkt unterdrücken konnte. Gegenüber den vor—
wärts strebenden geistigen Mächten, die das Volksleben, wenn
im Übermaße waltend, leicht in eine lose Spreu von Einzel⸗
individuen rein subjektiven Daseins aufzulösen drohen, vertrat
der Klerikalismus eins der zurückhaltendsten Elemente. Er
wirkte gleich einer Reihe von anderen konservativen Faktoren,
Lampreéecht, Deutsche Geschichte. XI, 2. 45