708 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
wärts, daß die Gegenwart in fortgeschrittenen und rudimentären
Arten der Emanzipation wie der Ehe eine Musterkarte ver—
schiedener Bildungen darbietet, wie sie in dieser Ausdehnung,
als soziale Erscheinung, nicht bloß in Ausnahmefällen persön—
lichsten Schicksals, wohl nur wenige Zeitalter der uns welt—
geschichtlich bekannten Entwicklung gezeigt haben.
Weit deutlicher und an mehr sichtbarer Stelle, freilich auch
nicht ganz gleich tief traten aus dem idealistischen Anfangs—
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Phantasietätigkeit als für die Zeit beherrschend hervor. Will
man sie am Orte ihrer reinsten Entwicklung kennen lernen, so
muß man sich der Geschichte der Musik, als der beherrschenden
Kunst des Subjektivismus, zuwenden. Wie gelangt man doch hier
alsbald in das Allerheiligste subjektivistischen Kunstschaffens:
wie bricht vor allem das Streben auf dynamische Wirkung
hervor und der Drang, den Hörer durch Anregung eigener
Empfindungen zum Selbstkünstler zu bilden. Es sind Anfänge,
die sich schon in Bachs Musik ankündigen; klar zutage tritt
das neue Prinzip seit Beethoven; die Musik wird illustrative
Musik bestimmter Empfindungskreise, insbesondere solcher, deren
leise Schattierungen wiederzugeben der Sprache versagt ist: das
Lied blüht empor, die Oper, die symphonische Dichtung. Und durch
die ganze Periode wächst und weitet sich in all diesen Bereichen
die schöpferische Tat: bis Richard Wagner in eine nicht minder
wichtige zweite Periode subjektivistischer Musik hinüberleitet.
Aber wir wissen auch, wie sehr sich die Dichtung, die dar—
stellende Kunst des Wortes, der Musik näherte, ja eben indem
auch sie dynamischen Wirkungen nachging und nirgends in
früherer Herrlichkeit erblühte als in einer schließlich fast musika—
lischen Lyrik, der Musik ebenbürtig zur Seite trat. Freilich
machte sich dabei gerade auf diesem Gebiete auch das allmäh—
liche Absinken nach der Seite überwiegenden Verstandes be—
sonders bemerklich: ist doch die Sprache Trägerin der Emp—
findung und des Begriffes zugleich und damit recht eigentlich
das Medium eines Verlaufes, der von enthusiastischen zu ratio—
nalen Elementen des geistigen Lebens führen sollte. Dem lyrischen