Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 709 
Gedicht, dem Zwillingsbruder wenn nicht Doppelgänger des 
musikalischen Liedes, folgte eine Phase vorwiegenden Dramas 
und dieser eine Phase vorwiegender Erzählung in Roman und 
Novelle; der Spiritus verflog, das Phlegma blieb: in diesem Ab⸗ 
lauf zeigte sich, wie die duftreichen Blüten der subjektivistischen 
Frühzeit unter manch harter Zellenverkalkung damit endeten, 
intellektualistische Früchte zu tragen. 
Aber ist das nicht der Weg jedes großen psychischen Ent⸗ 
wicklungszeitalters in menschlichen Gemeinschaften gewesen? Und 
war nicht nur eben dies das Besondere der Periode, daß dieser 
melancholische Verlauf — wenn man ihn melancholisch finden 
will — besonders stark betont in Erscheinung tratꝰ Sicherlich 
war er allgemein; auch in der bildenden Kunst gelangte man von 
dem idealistischen Schema der Kartonkunst mit ihren hohen Vor—⸗ 
würfen zu einem verstandesmäßigen Kolorismus des Ateliers, und 
aus dem Heiligenbild über das Historienbild zu einem Sitten⸗ 
bild, dessen philiströser Tatsachengehalt der Phantasie des Klein⸗ 
bürgers gerecht wurde. 
So lag es in der Natur der Dinge, daß die Periode 
intellektualistisch endete. Da unterwand man sich nicht mehr 
der hohen Phantasmen eines Herder, und der Adlerflug Schiller⸗ 
scher Gedanken wurde auch deshalb bewundert, weil er nun⸗ 
mehr unerreichbar blieb. Die Kunst verblaßte, die Wissenschaft 
trat hervor; der Dichter ward zum Denker; und ein breites Er⸗ 
blühen der Universitäten förderte das Beste zutage, was die 
Nation nunmehr der Welt als Gegenwartsgabe zu bieten hatte. 
In der Wissenschaft selbst aber wiederholte sich der Verlauf vom 
Pathos zur Einzelbeobachtung: von der Vernunft zum Verstand, 
von der Herrschaft der Philosophie bis zu ihrer Knechtschaft, 
ja dem Versuche, sie auszutreiben, und bis zu ihrer Verhöhnung. 
Da waren die Naturwissenschaften in der Zeit der Hegemonie 
der romantischen Metaphysik noch erfüllt gewesen von Gott, 
Goͤttern und treibenden Kräften; aber in den vierziger Jahren 
wurden sie unter das Gesetz von der Erhaltung der Kraft ge⸗ 
bändigt, und der Schluß der Periode war bezeichnet durch den 
unbedingten, gegnerlosen Triumph des Mechanismus. Da lebte
	        
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