Full text: Anhang. Bibliographie. Register (Bd. 12 = Schlußbd.)

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Anhang. 
Bilde fest, so z. B. im Hortus deliciarum der Herrad von 
Landsperg. Auch die ersten Züge zur Characterisierung der 
einzelnen Personen treten schon keck und naiv hervor. Da 
werden dann die Hände und Augen oft zu groß gezeichnet, um 
dem Betrachtenden nur noch energischer das Wesen und Wollen 
der ganzen Figur zu verkünden. 
Bei der Darstellung von Characteren in der Litteratur 
findet sich ein ähnlicher Zug; auch hier zeigt sich die erste 
Freude, welche man beim Entdecken einer individuellen Seite 
empfindet, in der übertriebenen Schilderung derselben: hier 
wird Demuth zur Demüthigung, Freigebigkeit zur Verschwendung, 
Strenge zur Grausamkeit, frommer Sinn zur Bigotterie. Und 
man wird nicht leugnen wollen, daß in den Characteren der 
Epoche selbst ein Anstoß zu dieser Verirrung lag. Noch wirkt 
um die Wende des 12. und 18. Jahrhunderts die alte un— 
gezähmte Naturkraft der Nation in ihren Helden neben der 
feineren Durchbildung der Persönlichkeit. Bei aller Selbst— 
beherrschung, bei aller Zartheit in den Umgangsformen sind 
sie doch noch stark in Haß und Liebe, fürchterlich in Zorn und 
Rache. Ihre Handlungen sind oft mehr eingegeben, als über— 
legt, Person tritt gegen Person, erst in zweiter Reihe System 
gegen System. Es sind die Zeiten Friedrichs J. und Hein— 
richs VI., eines Alexander und Innocenz, eines Rainald und 
Engelbert von Köln: eine Epoche, fruchtbar an großen 
Characteren, wie selten eine. Und es erscheinen jetzt auch zum 
ersten Male Schilderungen dieser Männer in den Geschichts— 
werken der Zeitgenossen, welche man als wolgelungen bezeichnen 
darf. So vor allem die Schilderung des Wesens und Lebens 
Friedrichs J. in der allerdings italienischen Chronik der Morenas. 
Gewiß gab es auch früher Persönlichkeiten von Schrot und 
Korn, deren Wesen sich oft schroff in einzelnen Handlungen 
aussprach — man erinnere sich der Seene zwischen Konrad II. 
und Heinrich III. zu Bamberg in der Angelegenheit Adalberos 
von Kärnthen — aber den Zeitgenossen fehlte das Verständniß 
für das Individuelle eines solchen Momentes, und nur zufällig 
hat sich von ihnen Kunde erhalten. Wie anders jetzt! Das
	        
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