Ueber Individualität im deutschen Mittelalter. 3]
Individuelle drängt sich selbständig hervor, man beginnt es
mit Vorliebe aufzuzeichnen.
Freilich hatte auch diese Richtung ihre Schwächen. Die
historische Auffassungsweise verliert an Objectivität, die Zu⸗
stände schwinden vor den Personen, das Individuum beherrscht
das Feld. In dieser Hinsicht mußte die Verquickung morgen⸗
ländischer Sagen und Sitten mit den einheimischen nur noch
mehr Verwirrung bringen. Der Sagenstoff drang in mannig—
fachen Modificationen jetzt unaufhaltsam in die Geschichts⸗
schreibung ein, die Darstellungsweise eines Gottfried von Viterbo
oder der deutschen Kaiserchronik wurde beliebt und diente zur
Nachahmung. War die geschichtliche Auffassungsart eines Widu—
kind episch im Sinne der alten Volkspoesie, so gestalteten sich
die Anschauungen dieser neuen historischen Richtung episch gemäß
der höfischen Dichtung. Denn auch in dieser wurde der Nach⸗
druck auf die Schilderung der Personen gelegt; es fehlt noch
ganz die Fähigkeit, sich in fremde Zustände hinein zu denken.
Wie man noch später kein Bedenken trug, die Statuen Kaiser
Friedrichs J. und des Bischofs Otto im Freisinger Dome nach
der neuesten Tracht umzumeißeln, so zog man jetzt den Helden
der klassischen, wie der eigenen mythischen Vergangenheit die
Brünne an und gab ihnen Schildesamt. Noch war man nicht
subjectiv genug durchgebildet, um die Zustände des eigenen
Zeitalters von sich abstreifen und anderen Verhältnissen objectiv
gegenübersetzen zu können. Dieser Eigenthümlichkeit der höfischen
Dichtung, die volle Subjectivität des Bestehenden in die Epen—
stoffe der Vergangenheit hineinzutragen, widerspricht nicht selten
in halbkomischer Weise die Versicherung der Dichter von ihrer
durchaus objectiven Haltung gegenüber dem Sagenstoff. Man
wird nicht müde, jeden persönlichen Antheil am Inhalt der
Erzählung aufs Bestimmteste abzulehnen; man sucht die Wahr⸗
heit der Mär zu beweisen auf Grund geschriebener Worte oder
gar durch die höhere Eingebung der Frau Aventiure. Alles
Individuelle, Subjective soll fern bleiben vom Stoff. Um so
mehr versucht sich der Dichter im gefälligen Ausmalen der
Begebenheiten, auch wol in Betrachtungen über dieselben: er