Anhang.
fich von dieser Vorstellung los: er zog aus dem Auf- und Ab—
wogen individualen Lebens im Reiche der Geister den Schluß,
daß der Wille der Kern und oberste Herrscher der Seele sei:
voluntas est supeérior intellectu.
Allein jetzt bemächtigte sich eine Richtung der bisherigen
Errungenschaften, welche von ganz anderen Seiten her zu diesen
Betrachtungen kam. Bisher hatte man die Gottesminne naiv
und sinnlich aufgefaßt, Parallelen zur Frauenminne finden sich
häufig und lagen ganz im Character früherer Zeit. Jetzt trat
ein Umschwung ein; man suchte ein bestimmieres Verhältniß
zu Gott, wie es der durchgebildeteren Individualität entsprach.
Und es war nicht die Art der Zeit, in kühler Methode die
Möglichkeit lebhafterer, persönlicherer Religiosität sich zu bahnen:
nicht durchdenken, nicht begreifen — durchfühlen, durchleben wollte
man das neue Ziel. So erwachte in den ersten Jahrzehnten
des 14. Jahrhunderts die deutsche Mystik. Sie war die erste
philosophisch⸗populäre Richtung; im Besitze des einzigen
Agitationsmittels der Zeit, der Predigt, warf sie ihre Ge—
danken in der Sprache des Volks hinaus in die gährenden
Massen. Hier fehlt die Dialectik der scholastischen Schulbänke,
die Psychologie steht in der Mitte des Systems. Zwar begegnet
auch hier die gewohnte Eintheilung in Seelenkräfte, aber sie
ist untergeordnet und bezieht sich mehr auf Aeußerungen des
einen höchsten Seelenvermögens, des Fünkleins. Unser Fünk⸗
lein war einst ohne Individualität und praeexistierte in Gott;
aber durch seinen Ausfluß in die Welt nahm es individuelle
Existenz (Creatürlichkeit) an. Nun ist es seine Aufgabe, aus
der Creatürlichkeit wieder durchzubrechen zu Gott; nicht durch
Fasten noch Kasteien, sondern durch Idealisierung seiner indivi—
duellen Anlage, d. h. durch Abstreifen derselben, soweit sie böse
ist. Ist der Durchbruch erreicht, so ist das Fünklein abgeschieden
in Gott, und die Geburt Gottes vollzieht sich in der entzückten
Persönlichkeit.
Diese Lehre, so abweichend von der Mystik eines Bern⸗
hard von Clairvaux oder Bonaventura, wurde durch Hunderte
begeisterter Schüler in die deutschen Lande hinausgetragen.