Ueber Individualität im deutschen Mittelalter. 43
sieht das Auge bei ihnen in die unendlichen Fernen einer
sonnighellen, ruhigen Landschaft.
Nicht anders, nur früher als die Bedeutung der Land⸗
schaft, entwickelte sich die Auffassung der Persönlichkeit in der
künstlerischen Anschauung der deutschen Maler. Den Umschwung
bezeichnet hier die Entfaltung des Sinnes für Portraitähnlichkeit,
welchen man um 1350 setzen kann. Es ist characteristisch, daß
dieser Fortschritt mit dem Entstehen des modischen Wechsels in
der Tracht zusammenfiel. Damals erhob sich jene Richtung auf
genauere Wiedergabe der individualen Körperlichkeit in der
Kleidung, welche die letzten Jahrhunderte des Mittelalters hin⸗
durch immer stärkeren und oft übertriebenen Ausdruck fand.
Die ausgelassene Mode, die unendlich bizarre Farbenpracht in
den Trachten dieser Zeit bezeichnen drastisch die kindisch-volks—
thümliche Freude am Erwachen der Persönlichkeit.
Um diese Zeit also geschah es, daß die Malerei, die sub⸗
jectivste unter den Hauptgattungen der bildenden Kunst, aus
dem Pergamente der Handschriften hervortauchte und von der
Kalkwand herabstieg, wo sie bisher der Architectur gedient hatte.
Die eigenständige Malerei auf der Tafel erblühte jetzt zuerst
für immer beherrschend, und die Oelfarben wurden erfunden in
eben jener Epoche, welche eine energischere Hebung individualer
Ausbildung herbeiführte. Und auch die Tafelmalerei wieder
folgte diesem Streben des Zeitalters. Wenn die Gestalten kirch—
licher Tradition, deren Darstellung noch auf lange hin die erste
Mühe der Maler gewidmet war, anfangs noch streng und
durchaus statuarisch aufgefaßt von ihren Holztafeln herabblickten,
so gieng man doch bald weiter: man belebte diese Einzelfiguren
in Haltung und Gang, man suchte Gruppen zu bilden, man
begann Handlungen darzustellen. Allein auch bei diesen Auf⸗
gaben liebte man noch lange eine möglichst objective Haltung;
schon der kirchliche, unverbrüchliche Inhalt der Darstellung
mußte hierauf einwirken. Es liegt ein durchaus eigenartiger,
nie wieder erreichter Zug über den Meisterwerken dieser ult⸗
deutschen Malerei, man fühlt den tiefen und freudigen inneren
Frieden der dargestellten Personen mit, die ungetrübte obiectipe